Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

MENSCH ÄRGERE DICH NICHT („Quergedanken“)

    Monatskolumne Nr. 256, 30. Oktober 2026

quergedanken_logo Heute mal nichts vom „realen Irrsinn“ oder von der „irren Realität“. Obacht!, die beiden Ausdrücke in Freund Walters derzeit häufig benutztem Wortspiel bedeuten nicht dasselbe. Auch ich hatte etwas grübeln müssen, um dahinter zu kommen, warum er Ersteren stets aufs aktuelle Politikgeschehen anwendet, Letzteren hingegen auf die Folgen des menschengemachten Klimawandels. Nein, ich löse die Sache hier nicht auf. Die verehrte Leserschaft möge sich selbst den Kopf zerbrechen, das ist schließlich der Sinn von Wortspielen. Ein Tipp: Die KI hilft dabei kaum – denn sie kann sich auf eine Type wie Walter keinen Reim machen.

Wenn das Hirn schier kocht, die Nerven blank liegen, wenn nachdenken, diskutieren, empören über Absurditäten des Zeitgeschehens auf den Magen schlagen, dann drückt der Freund immer mal wieder den Pauseknopf, drängt zu zeitweiser Rückbesinnung auf banal Menschliches und Allzumenschliches: „Lass uns ein bisschen karten oder würfeln.“ Spielen, jetzt, in solch angespannter Lage? Yes, denn genau dann ist am wertvollstem, was Friedrich Schiller einst so formulierte: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Sprechen wir also mal, und das guten Gewissens, über Spiele und das gesellige Spielen. Und zwar das der analogen Art: Brettspiele, Karten- und Würfelspiele, Wissens- und Rätselspiele, Geschicklichkeitsspiele – die, so las ich, sich nach wie vor, ja sogar wieder verstärkt großer Beliebtheit in allen Altersklassen erfreuen sollen. Digitalspiele im Internet oder mittels elektronischer Konsolen muss ich ausklammern, denn damit kenne ich mich nicht aus, die haben mich nie gereizt. Das elektrische Spielgerät, mit dem ich letztmals aktiv zu tun hatte, war in den frühen 1970ern der Flipper im Jugendzentrum; und der auch nur, weil man da dichtgedrängt mit Mädels drumrumstehen konnte.

Abstand sei auch genommen von der Geldzockerei. Wie appellierte Walter einmal: „Lass mich nie in ein Casino! Beim Roulette und Baccara oder am einarmigen Banditen werde ich leicht zum Opfer des Gierteufels.“ Tja, beim Spielen kommen nicht selten Eigenschaften zum Vorschein, die man von den Betreffenden im Alltag gar nicht kennt. Dies auch bei den harmlosen Allerweltsspielen der traditionellen oder neueren Art, wie wir sie zu zweit, dritt oder viert alle paar Wochen mal für einen Abend oder im Urlaub pflegen: 66, Skat, Kniffel, das unsterbliche Mensch-ärgere-dich-nicht, oder neuerdings Level 8, Skyjo …. Plötzlich wird die sonst eher etwas chaotische Julia zur verbiesterten Regelpolizistin; der eigentlich grundehrliche Romeo bescheißt, was das Zeug hält; der normalerweise kaum aus der Ruhe zu bringende Walter wird zur schäumenden Furie.

Es liegt eben im Wesen solcher Spiele: Wer sie spielt, muss gewinnen wollen, vor allem aber auch verlieren können. Ich selbst bin ein guter Verlierer, nehme mein Schicksal am Spieltisch gelassen und freundlich an. *** Freund Walter liest den letzten Satz, kriegt sich gar nicht mehr ein vor Lachen und diktiert frech: „Der Herr Kolumnist fantasiert. Lass ihn viermal hintereinander verlieren, dann wird er brummig, gar grantig, verflucht sein Pech, hadert mit den Göttern wegen ihrer Missgunst, beschwört inständig die Geister von Karten oder Würfeln, ihm mal was Gescheites auf die Hand zu geben. Ja, ja, beim Spielen kommen eben nicht nur unbekannte Eigenschaften zum Vorschein – da bekommt auch manches Selbstbild einen Knacks.“

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

, , ,

Archiv chronologisch

Archiv thematisch