Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

DER FORTSCHRITT IST EIN LAUNISCHER GESELL‘ (Quergedanken)

   Monatskolumne Nr. 255, 27. September 2026

 Die jüngste Botschaft aus den KI-Konzernen könnte man nach Goethes „Zauberlehrling“ so übersetzen: „Wehe, wehe, die Not ist groß, / die wir riefen die Geister / werden wir nun nicht los.“ Mit der KI-Revolution erleben wir derzeit den schnellsten technischen Umbruch in der Menschheitsgeschichte. Binnen gerade mal drei bis fünf Jahren hat sich die „Künstliche Intelligenz“ in fast allen gesellschaftlichen Poren eingenistet. Vom Großkonzern bis zum Handwerk, von Wissenschaft, Medizin und Kultur bis hin zu meinem PC und Freund Walters Smartphone: Wer KI nicht nutzt ist deppert, wird abgehängt, verliert, gehört nicht mehr dazu – heißt es.

Knapp fünf Jahre, und unser ganzer Lebensladen ist umgekrempelt. Weltrekord. Vom Faustkeil bis zur Steinaxt hat es etliche zehntausend Jahre gedauert. Vom Wurfspeer zum Schießgewehr ein paar tausend. Die Dampfmaschine brauchte etwa 150 Jahre bis sie industrieller Standard war, das Automobil  von Bertha Benz’ Jungfernfahrt 1888 bis zum dominanten Verkehrsmittel rund 80. Das Fernsehen hatte nach 25 Jahren sämtliche Wohnzimmer erobert. Das Internet seine www-Weltherrschaft in rund 17 Jahren errichtet. Das Smartphone brauchte dafür nicht mal mehr zehn. Die KI weniger als fünf.

„Mir wird schwindelig“, lamentiert Walter. Die ganze Menschheit torkelt umeinander, mein Lieber, nur merkt sie es nicht. Denn: Hach, welch Freude! Alles geht nun einfacher und noch schneller. Wir müssen nicht mehr selbst suchen, lesen, schreiben, gestalten, denken. Das lassen wir die KI machen. Ist doch herrlich, ein so von Mühen befreites Leben! Doch nun krachen Hiobsbotschaften in den Glückseligkeitstaumel. KI-Agenten, also Maschinen, haben sich wiederholt zusammengerottet, sind der Kontrolle durch ihre Erfinder entfleucht, vagabundieren durchs Internet und stellen Sachen an, von denen keiner recht weiß, was es ist. Sie entwickeln sich im Affenzahn eigenständig weiter, aber niemand durchschaut wohin und was daraus wird.

Bereits zum zweiten Mal warnen die Tech-Konzerne vor sich selbst, fordern Verlangsamung der KI-Entwicklung. Sie beichten: „Wir haben unser Produkt nicht im Griff“, treiben aber gleichzeitig dessen Verbreitung weiter mit Vollgas voran. Das ist bekloppt, war indes immer so mit dem Fortschritt: Seine Vorteile – manche segensreich, manche bequem, viele einfach nur profitabel – konnte man gar nicht schnell genug zur Anwendung bringen. Die Schattenseiten will man nicht wahrhaben oder nimmt sie als Preis des Fortschritts in Kauf. Weshalb in der Welt die unvernünftige Regel vorherrscht: Zuerst Markteinführung schnell schnell; dann Nutznieß viel viel. Erst lange danach – wenn es knirscht, hakt, weh tut – beginnt man betulich an Gefahrenpotenziale, Folgen- und Schadanalyse, an Schutzdämme, Regulierung, Begrenzung zu denken.

Bis dahin liegt das Kind im Brunnen. Dies stellte auch die jüngste PISA-Studie fest. Ihre Hiobsbotschaft: 15-jährige Schüler sind deutlich schlechter geworden. Nicht nur in Deutschland, viel schlimmer: quasi weltweit. Und das ist keineswegs nur ein Jugendproblem. Die Intelligenzforschung liefert zugleich den auch für Erwachsene geltenden Befund: Seit den 2010er-Jahre sinkt der Intelligenzquotient (IQ) der Menschen stetig. Mitte der 2010er begann auch das Absinken der PISA-Ergebnisse. Was war da? Smartphone-Nutzung und Social Media wurden zur global vorherrschenden Kulturtechnik. Walter brummt: „Ei guck, was ein Zufall.“

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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