Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Guten Tag allerseits

  • Guten Tag allerseits im Oktober 2026


    6.10.2026

    Doch ja, ich bin überrascht – dass offenbar eine Menge Leute überrascht sind von dem, was da im Landtag von Sachsen-Anhalt abgegangen ist. War doch alles genau so erwartbar. Am meisten überrascht bin ich vom Überraschtsein der konfusen sachsen-anhaltinischen CDU-Spitze und der im Augenblick nicht minder konfusen Bundes-CDU. Sind die Herrschaften so naiv, oder haben sie keinen blassen Dunst von dem, was in Teilen ihres Ladens los ist, oder spielen sie bloß Überraschungstheater?
    Wie dem auch sei, die Union hat nun ein weiteres fettes Problem: Eine grundsätzliche Bruchlinie, die sich mitten durch die Partei zieht. Auf der einen Seite diejenigen, die ein partielles Zusammenwirken mit der AfD für keinen Beinbruch, sondern für eine Chance auf Durchsetzung „konservativer“ Vorstellunen halten. Auf der anderen Seite jene, denen die AfD nach wie vor als existenzielle Gefahr für die Demokratie gilt und die deshalb eine Zusammenarbeit kategorisch ablehnen.
    Vielleicht wäre es gescheit, wenn der bürgerlich-deutsche Konservatismus mal über diesen Sachverhalt nachdenkt: Während man mit Verve überschießende Kampfkampagnen gegen Grüne und Linke nach den altgewohnten Frontmustern der Bonner Republik führt, wird die Berliner Republik von rechtsaußen aufgerollt – und kommt der deutsche Konservatismus inklusive CDU/CSU gleich mit unter die Räder.

    4.10.2026

    3. Oktober 2026, Nationalfeiertag. Premiere von Mozarts „Zauberflöte“ am Theater Bonn. Doch zuerst tritt Generalintendant Bernhard Helmich – dessen Vertrag fünf Tage zuvor gerade erst bis 2030 verlängert worden war – vor den Vorhang und erklärt: „Mit mir als Intendant wird es eine Schließung des Schauspiels nicht geben.“ Dafür Standing Ovations im Opernhaus. Was ist da los in Bonn? Am 2. Oktober beschloss Verwaltungsvorstand der Bundesstadt Bonn laut Mitteilung der Stadt in einer Klausursitzung: „Statt des in der Zukunftsagenda Bonner Bühnen beschlossenen Erhalts aller Sparten soll die Aufgabe des Schauspiels geprüft werden.“
    In einer deutschen Großstadt (und ehemaligen Hauptstadt) die ganze Schauspielsparte der städtischen Bühnen eventuell vollständig zu schleifen, auf so eine Idee muss man erstmal kommen. Und das auch noch mitten in einem bereits länger laufenden, vom Theater kooperativ mitgetragenen Prozess hin zu machbaren und vertretbaren Sparmaßnahmen. Während der Berufsjahrzehnte, in denen ich regelmäßig zum Kritikerdienst die Bonner Bühnen besuchte, hatte ich schon die Einstellung von deren eigener Tanzsparte miterleben müssen. Nachher die Aufgabe der Schauspielhalle Beuel als Spielstätte. Soll jetzt auch noch die Schauspielkunst geopfert werden (und wohl gleich das Schauspielhaus Bad Godesberg mit)? Es wäre erbärmlich.

    2.10.2026

    Ups, also immer wieder mal muss ich auch über mich selbst den Kopf schütteln. Da bist du hinsichtlich des aktuellen Geschehens in der kleinen National- wie in der großen Weltpolitik, über jüngste Entwicklungen in diversen Wissenschaften und interessante Ereignisse im Kulturleben recht gut im Bilde. Was aber eben jetzt sozusagen gleich vor Haustür und alltagspraktisch auch nahebei los ist, kriegt der Herr Rentner nicht mit.
    Warum steckt die Wochenendbeilage schon heute, am Freitag, in der Frühstückszetung? Weshalb herrscht auf den beiden Straßen am Dorfrand ein Verkehr Richtung benachbartem Einkaufsstädtchen, als gäbe es morgen nichts mehr? Wieso packen die Nachbarn Koffer und schulpflichtige Kinder ins Auto, als wollten sie zwei Wochen in Urlaub fahren?
    Seltsam das alles, sehr seltsam, denke ich – bis mir Hinweise aus dem FB-Kontaktkreis zwei erhellende Lichtlein auf- und anstecken: 1. Am morgigen Samstag gibt’s keine Zeitung und die Läden werden geschlossen haben, denn es ist Feiertag; 3. Oktober, Nationalfeiertag. 2. Für die Schulkinder in Rheinland-Pfalz beginnen heute zweiwöchige Herbstferien. Kannste mal sehen, dass Social Media auch für was gut ist. Na dann sei allseits ein angenehmes Feiertagswochenende und ggf. ein guter Start in die Herbstferien gewünscht. (Und gleich geh‘ ich nachschauen, ob ich fürs Wochenende alles im Haus habe oder noch raus muss in den Trubel.)

    1.10.2026

    Schwarze, dunkelhäutige, asiatisch oder sonstwie menschlich aussehende Deutsche starten für Deutschland im Fußball, im Handball, im Basketball, in der Leichtathletik, beim Schwimmen, beim Tischtennis …. Doch ein faschistischer Mob aus vermeintlichen Ariern, selbst erklärten Stolz- und Edeldeutschen, aus Troll-Kommandos, Bots, Hassmaschinen tobt, beleidigt, hetzt, kotzt Scheiße gegen die Sportler und Sportlerinnen in die Netzwerke. Dieses entmenschlichte Gebaren ist einfach nur ekelhaft und eine Schande für unser Land.


    1.10.2026

    Die AfD-Propaganda will glauben machen, es gebe Bemühungen für ein Verbotsverfahren gegen sie nur wegen ihres Erfolgs bei den Wählern. Dieses Narrativ wird leider weithin geglaubt, weil allzu vielen Zeitgenossen wie auch Politikern der demokratischen Parteien die Gefährlichkeit dieser Partei für die Demokratie erst mit deren Wahlerfolgen zu Bewusstsein gekommen scheint. Tatsächlich jedoch geht es bei einem AfD-Verbotsverfahren nicht um die Quantität ihrer Anhängerschaft/Wählerschaft, sondern um Qualität, also um die Frage der Verfassungsfeindlichkeit dieser Gruppierung. Man hätte die Prüfung eines Verbotsverfahren schon vor drei oder vier Jahren einleiten sollen und können, es fehlte der politische Wille. Nach wie vor ist die Frage nach der Verfassungsfeindlichkeit völlig unabhängig davon zu stellen, wieviel Prozente die AfD bei Wahlen einfährt.


    1.10.2026

    Es gibt heute ein Jubiläum zu feiern. Ich jedenfalls stoße an auf 70 Jahre tägliche „Tagesschau“. Erstmals auf Sendung ging sie zwar schon am 26. Dezember 1952, allerdings nur dreimal pro Woche. Am 1. Oktober 1956 begann die werktägliche Ausstrahlung Montag bis Samstag, im September 1961 kam dann die Sonntagsausgabe dazu. Für mich ist die „Tagesschau“ bis heute die HauptNACHRICHTENsendung des Tages geblieben – auf 15 Minuten konzentrierter, faktenbasierter, unabhängiger News-Journalismus. Gewiss, je nach persönlicher Interessenslage, eigener Weltanschauung und Politpräferenz konnte und kann man an Nachrichtenauswahl und -gewichtung sowie Blickwinkeln aufs Weltgeschehen stets allerhand kritisieren, kritisiere auch ich stets allerhand. Doch als zwar schmale, aber zuverlässige und schnelle Infobasisquelle war die „Tagesschau“ mir über Jahrzehnte ein wertvoller Begleiter durchs Leben – und ist es noch immer. Ganz davon abgesehen, dass diese Sendung bei mir, so ich daheim bin, traditionell die Abendruhe einläutet.



    28.9.2026

    Heute habe ich ausnahmsweise mal die Lautsprecher meines PC aktiviert, um zwei kurze Reden anzuhören. Beide wurde mir von Leuten aus meinem Facebook-Kontaktkreis mehrfach ans Herz gelegt. Und das zu Recht, denn sie zählen zum Bemerkenswertesten, was in jüngerer Zeit hierzulande öffentlich gesprochen wurde. Anhören, unbedingt:
    1. Laudatio von Sarah Bosetti auf Angela Merkel anlässlich Verleihung des Elisabethpreises der Caritas an die Ex-Kanzlerin am vergangenen Freitag. Das sind knapp sieben Minuten voll von dem, was wir dieser Tage so schmerzlich vermissen im öffentlichen Diskurs: Menschlichkeit, politische Klugheit, Respekt ohne die Differenzen zu verbergen, Humor und ironischer Esprit.
    2. Die Rede des Deutsch-Iraners Michel Abdolliha vom 15.2.26 im Rahmen der Veranstaltung „Prozess gegen Deutschland“ im Thalia-Theater Hamburg. Zehn Minuten eindringliche Warnung vor dem stillen Zerfall der Demokratie in Folge „Bequemlichkeit der sogenannten Mitte“ und vor dem Aufkommen einer faschistischen Hesrschaft – basierend auf einer sehr gescheiten Analyse der Verhältnisse in Deutschland nebst Verknüpfung mit den schmerzhaften Erfahrungen unter der iranischen Mullah-Diktatur.
    Beide Reden findet ihr auf Youtube (einfach entsprechende Stichworte in die Suchmaschine eingeben).

    27.9.2026

     Letztes Wochenende des Monats, also ist die Veröffentlichung meiner Kolumne „Quergedanken“ fällig. Die Folge 255 befasst sich mit der KI-Revolution. An dieser schnellsten aller bisherigen Technikumwälzungen scheiden sich die Geister: Die einen bejubeln sie als segensreichste (und höchst profitable) Fortschrittserfindung ever, die anderen geiseln sie zeitgleich als größte Bedrohung der

    Menschheit ever.  Tatsächlich ist es auch diesmal so, wie es beim Fortschritt fast immer war: Er bringt Fluch und Segen gleichermaßen mit sich – nur schauen wir auf ersteren meistens zuletzt. -> Lesen hier Quergedanken 255 „Der Fortschritt ist ein launischer Gesell‘ (freier Lesetext)


    -> Guten Tag allerseits in den Vormonaten


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