ape. Beim Blick auf die Wetterprognose für die kommenden Tage in der heutigen Frühstückszeitung (11.8.26) entfleucht mir ein frustrierter Seufzer: „Au, weh.“ Heute 28 Grad, morgen 32, am Donnerstag 36 und am Freitag 39. Regen? Null. Himmel hilf, es will einfach kein Ende nehmen! Da wird es mir, dem 70-Jährigen, körperlich wieder schlecht gehen – trotz ausgefeiltem Rolladenballett im Erdgeschoss und Aufrüstung mit thermobeschichteten Rollos im Obergeschoss.
Zwei Herzen nun, ach, in meiner Brust. Das eine, entnervt und zornig, möchte den naiven Ignoranten, den dumpfen Idioten und sowieso den ausgebufften Propaganda-Ideologen der AfD-Trollarmee ihre immergleichen, die Realität ausblendenden, leugnenden oder umlügenden Sprüche mit Schmackes in den Hals zurückstopfen: „Wetter war immer so, es gibt keinen Klimawandel.“ Oder: „Es war immer so, Klimawandel hat es zu allen Zeiten gegeben.“ Oder: „Es ist halt Sommer, alles ganz normal.“ Oder: „Bloß Klimawandel-Panikmache der Systemwissenschaftler und Systemmedien.“
Das andere Herz sagt, um Rationalität bemüht: Herumstreiten mit der Fraktion aus Ignoranz, Idiotie, Ideologie ist völlig sinnlos, damit vertrödeln wir nur Kraft, die wir fürs Eigentliche bräuchten, und Zeit, die wir im Kampf gegen den Klimawandel nicht mehr haben. Wer heute kein Klimawandel-Problem sieht (sehen will) – trotz aller wissenschaftlich eindeutigen Befunde und der mittlerweile tagtäglich erfahrbaren, vielfach dramatischen Klimawandelfolgen – den lässt man am besten unbeachtet links liegen, weil er zur Problemlösung sowieso nichts beitragen kann und will.
Viel wichtiger ist der Umgang mit und das Einwirken auf eine andere Fraktion, der leider (nicht nur in Deutschland) auch jede Menge regierende Politiker angehören. Darin sind jene versammelt, die um den menschengemachten Klimawandel wissen, ihn auch für ein Problem halten, das irgendwann irgendwie gelöst werden muss – nachdem man sich um die „vorrangigen Problemfelder“ gekümmert hat, um Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit, Staatsfinanzen, Rente, Gesundheits- und Bildungswesen, Migration, Kriegstüchtigkeit etc. pp.
In dieser Fraktion macht sich jetzt, angesichts der wiederkehrenden und zunehmenden klimatischen Krisenlagen, (sehr langsam) eine gewisse Verunsicherung breit, ob die Politik-Prioritäten noch richtig gesetzt sind. Ein treibender Faktor bei dieser Verunsicherung sind die inzwischen exorbitanten volkswirtschaftlichen Kosten, die die Klimawandelfolgen allein im aktuellen Hitzesommer schon verursacht haben, von Niedrigwasser, Straßenschäden, unterbrochenen Lieferketten über Arbeitsausfälle, Sonderkosten im Gesundheitswesen bis zu Dürre auf den Äckern und Waldbränden. Auch die Einbrüche an Lebensqualität und die Verluste an Menschenleben mögen bei der Verunsicherung mitspielen. Eine Gesamtbilanz in Geldwert-Kosten für den bisherigen Rekordhitzesommer hat m.W. noch niemand aufgemacht, aber sie dürfte mindestens bei einem hohen zweistelligen Millardenbetrag liegen.
Eigentlich ist es schon lange, und auch wissenschaftlich fundiert, kein Geheimnis mehr, dass der menschengemachte Klimawandel heute das Primärproblem der globalen Zivilisation darstellt – das in wachsendem Ausmaß auch auf alle anderen Problemfelder einwirkt. Viel früher als erwartet (also heute und nicht erst ab Mitte des Jahrhunderts) erleben wir in diesem Augenblick, dass Hitze und Trockenheit nicht bloß irgendein ökologisches Problem sind, sondern direkte Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesundheit, Alltag, ja fast alle Lebensbereiche haben. Was die Fraktion der vermeintlichen Pragmatiker und Realisten in Politik und Öffentlichkeit viel zu lange nicht wahrhaben wollten, als bloß grüne Ideologie und/oder apokalyptische Spintisiererei abtaten, ist hier und heute Lebenswirklichkeit geworden.
Nach jahrzehntelangem Verdrängen und Nichtwahrhabenwollen der Klimawandel-Gefahren fallen nun bei ihrem tatsächlichen wirkmächtigen Auftreten am Ort die Reaktionen unvorbereitet, unbeholfen bis hilflos, teils lächerlich aus. Zu wenig Wasser in der Rhein-Fahrrinne? Buddeln wir sie halt tiefer. Fachleute winken ab: Wird bei extremen Niedrigwasser nichts nützen, eher zum beschleunigten Abfluss des Restwassers führen; und wenn von oben kein Wasser nachkommt, ist halt keins mehr da. Wenn Frachtschiffe nicht mehr fahren können, bringen wir die Fracht eben auf die Straße. Spediteure winken ab: So viele Fahrer und LKW gibt es gar nicht, um die Fracht der bei Normalwasser täglich etwa 140 Schiffe, die den Mittelrhein passieren, zusätzlich auf der Straße zu transportieren. Um 3000 Tonnen schafft ein Schiff, 25 bis 27 Tonnen ein LKW. Verständlich und vielfach wohl auch unumgänglich ist die verbreitete Forderung nach Aufrüstung von Büros, Heimen, Kliniken, Schulen etc. mit Klimaanlagen, aber im Grunde ist das zu kurz gedacht. Denn Klimaanlagen schaufeln ja nur die warme Luft von drinnen nach draußen. Heißt: Je mehr Innenräume gekühlt, umso heißer die Stadt als ganzes.
Klimawandelanpassung wäre nunmal etwas ganz anderes als ein paar Notmaßnahmen oder gar unbedarfter Aktionismus. So wie durchgreifender, effektiver Klimaschutz etwas ganz anderes wäre, würde endlich verstanden, dass der Klimawandel tatsächlich das Primärproblem der Menschheit ist, das auch alle anderen Probleme verschärft – nicht erst morgen oder übermorgen, sondern jetzt schon. Andreas Pecht
