Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

ES IST SO HEISS WIE AUF HAWAI („Quergedanken“)

   Monatskolumne Nr. 253, 30. Juli 2026

quergedanken_logo  Freund Walter sieht die Überschrift und hebt sofort mit Gesinge an: „Es gibt kein Bier auf Hawai, drum bleib’ ich hier. Es ist so heiß auf Hawai, kein kühler Fleck ….“. Dabei war Walter noch gar nicht geboren, als Paul Kuhn diesen Song 1963 in die Welt setzte. Allerdings wurde der Schlager zu einem der langlebigsten Party- und Volksfestkracher deutscher Zunge, der auch nachgeborenen Alterskohorten wohlbekannt ist. Noch heute sorgt der Ohrwurm gelegentlich in Festzelten für den feuchtfröhlichen Ausbruch teutonischen Rudelsingens.

Doch hat die Zeit den Text längst überholt. Das Problem mit dem hawaianischen Biermangel löste die Globalisierung. Gibt es heute noch besiedelte Regionen auf de Erden, in der kein Gerstensaft zu kriegen ist? Kaum. Das Problem mit der Hitze auf Hawai hat der Klimawandel gehörig relativiert: Mittlerweile sind die sommerlichen Tagestemperaturen in Europa oft viel höher als auf dem Insel-Archipel. Hawai hat in den 2020ern Sommerwerte von 27 bis 30 Grad. “Hach, was wäre das erholsam“, mag man ausrufen, wenn hierzulande die Thermometer mal wieder auf 33, 37, gar 40+ Grad klettern.

In Sachen Hitze hat infolge Klimawandel Europa nicht nur Hawai in den Schatten gestellt. Unser Kontinent erwärmt sich eben schneller als andere Gegenden; nur die arktischen Gefilde sind noch flotter. „Es ist so heiß in Germany“ könnten heutzutage Hawaianer singen und lieber daheim bleiben als uns am Rhein besuchen. „Ach, hört doch uff mit eurem Klimawandel“, kommt nun Onkel Hugo um die Ecke, „ich habe schon in den 1950ern/60ern genauso oft genauso heiße Sommertage erlebt.“ Nein, liebes Onkelchen, hast du nicht. Das meinst du nur. Auch ich erinnere mich an einige „sehr heiße“ Tage während meiner Schulzeit vor gut sechs Jahrzehnten. Und daran, wie wir zwischen 10 und 11 Uhr durchs Schulhaus schmetterten: „25 Grad im Schatten, wir schwitzen wie die Ratten, unser letzter Hilfeschrei: hitzefrei!, hitzefrei!“ Denn so war dunnemals das Reglement in den meisten Bundesländern: 25 Grad im Schatten draußen oder 27 Grad im Klassenzimmer, dann konnte die letzte, im Extrem auch noch vorletzte Schulstunde ausfallen.

25/27 Grad kurz vor Mittag. 30 bis 33 am Nachmittag, das galt damals als „enorme Hitze“. Temperaturen um 35/36 Grad waren sehr seltene und meist nur kurze „Extreme“. An 40/41 Grad wagte in Deutschland „früher“ kaum jemand zu denken. Du, Onkelchen, erinnerst dich an „sehr heiße Tage“ in deiner Jugend. Wir schauen in den Temperaturaufzeichnungen nach und finden für eben diese, die von dir so empfundenen damaligen „Hitzetage“ 31/32 Grad bis ganz vereinzelt mal 35/36 verzeichnet.

Datenlage und Realität sind eindeutig: Der Klimawandel läuft. Natürlich kann man zwecks eigener Beruhigung – oder zur  Förderung von Ignoranz, Ideologie, Idiotie – auch an eine Weltverschwörung der Thermometer glauben. Was allerdings an den vom Menschen in Gang gesetzten physikalischen Entwicklungen nun mal nichts ändert: In den 119 Jahren von 1881 bis 2000 gab es in Deutschland nur 1 Tag mit etwas über 40 Grad; in den 25 Jahren von 2000 bis 2025 waren es bereits 9 Tage; 2026 gab es allein im Monat Juni schon 4 Tage mit mehr als 40 Grad, darunter der mit 41,8 Grad heißeste jemals gemessene.

„Es ist schon und wird noch viel, viel heißer als zu Paulchens Hawai-Zeit. Und wir sind nicht darauf eingerichtet“, brummt Walter, greift, den alten Schlager summend, zum kühlen Bier – bei 35 Grad ist es die alkoholfreie Version.

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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