Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

12 000 Wissenschaftler stellen sich hinter streikende Schüler

Stellungnahme von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu den Protesten für mehr Klimaschutz  –  #Scientists4Future

„Die Anliegen der demonstrierenden jungen Menschen sind berechtigt

Zurzeit demonstrieren regelmäßig viele junge Menschen für Klimaschutz und den Er­halt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Als Wissenschaftlerinnen und Wissen­schaftler erklären wir auf Grundlage gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse: Diese Anliegen sind berechtigt und gut begründet. Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei weitem nicht aus.

Das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 verpflichtet die Staaten völker­rechtlich verbindlich, die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten. Darüber hinaus haben alle Länder Anstrengungen versprochen, die Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen.

Es kommt nun darauf an, die Netto-Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen schnell abzusenken und welt­weit spätestens zwischen 2040 und 2050 auf null zu reduzieren. Eine schnellere Absenkung erhöht hierbei die Wahrscheinlichkeit, 1,5 °C zu erreichen. Die Verbrennung von Kohle sollte bereits 2030 fast vollständig beendet sein, die Verbrennung von Erdöl und Erdgas gleichzeitig reduziert werden, bis alle fossilen Energieträger durch klima­neutrale Energiequellen ersetzt worden sind. Unter Berücksichtigung von globaler Kli­magerechtigkeit müsste in Europa dieser Wandel sogar noch deutlich schneller ablau­fen.

Auch wenn weiterhin Beteiligungs- und Diskussionsbedarf besteht: Jetzt muss gehan­delt werden. Beides schließt einander nicht aus. Es gibt bereits viele gesellschaftliche und technologische Innovationen, die Lebensqualität erhalten und menschliches Wohl­ergehen verbessern können, ohne unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören.

In allen deutschsprachigen Ländern werden beim Umbau der Bereiche Ener­gie, Ernährung, Landwirtschaft, Ressourcennutzung und Mobilität die notwen­dige Größenordnung und Geschwindigkeit nicht erreicht. Deutschland wird die selbstgesteckten Klimaschutzziele für 2020 verfehlen und auch die Er­reichung der Ziele der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie für 2030 ist hochgra­dig gefährdet. Zudem mangelt es weiterhin an einem wirksamen Klimaschutzgesetz. Öster­reich hat sich in seiner Klima- und Energiestrategie Ziele gesetzt, die dem Pariser Vertrag in keiner Weise gerecht werden und selbst dafür sind weder die erforderlichen Maßnahmen noch die finanziellen Mittel vorgesehen. Zugleich sind Bodenverbrauch und -versiegelung pro Person und Jahr in Österreich die höchsten in Europa. Die Schweiz hat ihre Treibhausgas-Emissionen seit 1990 nur geringfügig verringert; gleichzeitig stiegen die im Ausland verursachten Emissionen erheblich an. In der ersten parlamentarischen Debatte zur Totalrevision des CO2-Ge­setzes wurden die inländischen Reduktionsziele gestrichen und die Reduzierung der Schweizer Emissionen sollte durch Kompensation im Ausland erfolgen. Schließlich ist das Gesetz vorläufig gescheitert.

Die jungen Menschen fordern zu Recht, dass sich unsere Gesellschaft ohne weiteres Zögern auf Nachhaltigkeit ausrichtet. Ohne tiefgreifenden und konsequenten Wandel ist ihre Zukunft in Gefahr. Dieser Wandel bedeutet unter anderem: Wir führen mit neuem Mut und mit der notwendigen Geschwindigkeit erneuerbare Energiequellen ein. Wir setzen Energiesparmaßnahmen konsequent um. Und wir verändern unsere Ernäh­rungs-, Mobilitäts- und Konsummuster grundlegend.

Vor allem die Politik steht in der Verantwortung, zeitnah die notwendigen Rahmen­bedingungen zu schaffen. Insbesondere muss klimafreundliches und nachhaltiges Handeln einfach und kostengünstig werden, klimaschädigendes Handeln hingegen un­attraktiv und teuer (z. B. durch wirksame CO2-Preise, Einstellung von Sub­ven­tionen für klimaschädliche Handlungen und Produkte, Effizienzvorschriften und soziale Inno­vationen). Eine sozial ausgewogene Verteilung von Kosten und Nutzen des Wandels ist dabei unerlässlich.

Die enorme Mobilisierung der neuen Bewegungen („Fridays for Future“ in Deutschland und Österreich, „Klimastreik“ in der Schweiz) zeigt, dass die jungen Menschen die Situation verstanden haben. Ihre Forderung nach schnellem und konse­quentem Handeln können wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nur nach­drücklich unterstreichen. 

Als Menschen, die mit wissenschaftlichem Arbeiten vertraut sind und denen die derzei­tigen Entwicklungen große Sorgen bereiten, sehen wir es als unsere gesellschaftliche Verantwortung an, auf die Folgen unzureichenden Handelns hinzuweisen.

Nur wenn wir rasch und konsequent handeln, können wir die Erderwärmung begrenzen, das Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten aufhalten, die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren und eine lebenswerte Zukunft für derzeit lebende und kommende Generationen gewinnen. Genau das möchten die jungen Menschen von „Fridays for Future/Klimastreik“ erreichen. Ihnen gebührt unsere Achtung und unsere volle Unterstützung.

Quelle: https://www.scientists4future.org/

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12 000 Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben die obige Stellungnahme unterzeichnet worden ist.

Klimaforscher Stefan Rahmsdorf schreibt in seinem Blog: „Schon unter den über 700 Erstunterzeichnern finden sich zahlreiche führende Klima-, Energie- und Umweltforscher. Zum Beispiel die Direktorin des Alfred-Wegener Instituts für Polar- und Meeresforschung, Antje Boetius. Die Direktoren des Max-Planck-Instituts für Meteorologie, Jochem Marotzke und Martin Claußen. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie, Markus Reichstein. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie, Meinrat Andreae. Der Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, John Schellnhuber. Die Direktorin der Biologischen Anstalt Helgoland, Karen Wiltshire. Der Direktor des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik, Clemens Hoffmann. Der Direktor des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung, Ulrich Bathmann. Der Generaldirektor des Forschungsinstituts und des Naturmuseums Senckenberg, Volker Mosbrugger.

Und viele weitere Professoren wie Wolfgang Cramer, Ulrike Herzschuh, Claudia Kemfert, Mojib Latif, Claus Leggewie, Reinhold Leinfelder, Peter Lemke, Anders Levermann, Gerrit Lohmann, Ulrike Lohmann, Wolfgang Lucht, Georg Kaser, Claudia Kemfert, Reto Knutti, Hans-Otto Pörtner, Volker Quaschning, Ulf Riebesell, Christian Schönwiese, Thomas Stocker, Martin Visbeck, Heinz Wanner, Ernst Ulrich von Weizsäcker, usw. usf. (um einen rein subjektiv ausgewählten kleinen Querschnitt zu geben). Es sind auch eine Reihe Paläontologen und Paläoklimatologen darunter – dies nur für diejenigen, die fälschlich meinen, die natürlichen Klimaveränderungen der Erdgeschichte seien ein Grund zur Entwarnung (das Gegenteil stimmt).

Vergleichbare Stellungnahmen hat es auch in anderen Ländern gegeben – Australien, Belgien, England, Finnland, Holland, Neuseeland, Tschechien, USA… „

Quelle: Spektrum.de / SciLogs

 

 

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