Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

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Konzertkritik: Saisonfinale bei Anrechtsreihe Koblenz

Koblenz. Mit den finalen Triumphklängen von Gustav Mahlers 1. Sinfonie und jubelndem Applaus endete jetzt die Spielzeit 2025/26 der Anrechtskonzerte beim Musik-Institut Koblenz. Es war eine Interimssaison, Warten auf den Dienstantritt von Marzena Diakun als neuer Chefdirigentin der Rheinischen Philharmonie. Diese Zwischenspielzeit war freilich gut gefüllt nicht nur mit niveauvollen Konzertprogrammen. Als Besonderheit bot sie einen spannenden Einblick in die internationale Szene von Dirigentinnen der jüngeren Generation, die sich überzeugend in der vorherigen Männerdomäne etablieren. Alle sieben reinen Orchesterkonzerte der Rheinischen im Rahmen der Anrechtsreihe haben Frauen geleitet.

Die Letzte in dieser Runde war nun die Estin Anu Tali. Zweimal schon hatte sie in den Vorjahren als Gastdirigentin in Koblenz einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. So auch beim jetzigen Saisonabschluss mit Antonin Dvoráks Scherzo capriccioso, dem Violinkonzert „Concentric Paths“ von Thomas Adès sowie Mahlers 1. Sinfonie. Beim Auftakt mit Dvorák hebt Tali mit strammem Dirigat vor allem auf die sinfonisch -dramatischen Aspekte ab, die der Komponist dem eigentlich heiteren, leichten Scherzo hintergründig beigab. Man hätte sich freilich schon hier etwas mehr von jener süffig-volkstümlichen Launigkeit gewünscht, wie sie nachher bei der Mahler-Sinfonie mit keckem Raffinement realisiert wird.

Zwischen Dvoráks und Mahlers in den 1880ern entstandenen Romantikwerken ist Adès’ Violinkonzert ein Fremdkörper, ein ganz eigener Musikkosmos, mit klassisch-romantischen Hörgewohnheiten nur schwer zu erfassen – herausfordernd für Musizierende wie auch Hörerschaft. Schön? Da gehen die Ansichten weit auseinander. Interessant? Auf jeden Fall. Das Stück des heute 54-jährigen britischen Stars unter den zeitgenössischen Komponisten wurde 2005 uraufgeführt und gilt als das meistgespielte Orchesterwerk moderner Klassik des bisherigen 21. Jahrhunderts.

Ein Faszinosum für sich ist, was Geigensolist Ilya Gringolts bietet: von knarzenden, ruppigen, aggressiven Tiefen bis zu kreischenden, flirrenden oder auch zart hauchenden höchsten Höhen – oft doppelstimmig und in rasenden Läufen. So divers und technisch anspruchsvoll wie das teils fast frei improvisiert wirkende eruptive Solistenspiel ist auch das Zusammenwirken mit dem hier von Tali besonders streng geführten Orchester. Mal sind es Kontroversen zwischen Extremen, mal Korrespondenzen Gleichgestimmter, mal wechselseitige Überlagerungen. Melodieansätze sind selten und kurz, dafür gibt es wellenförmige und kreisförmige Klangbewegungen, eine fast meditative Phase, einen treibend rhythmisierten Schlusssatz; und das alles jenseits gewohnter Harmonien. Das Publikum applaudiert freundlich, für hiesige Verhältnisse allerdings recht zurückhaltend.

Dann Gustav Mahlers 1. Sinfonie. Den ursprünglichen Titel „Titan“ hatte der Komponist selbst bald getilgt, ebenso seine programmatischen Satzüberschriften. Weshalb es den Zuhörenden seither freigestellt ist, das Werk nach Gusto zu interpretieren. Wir hören die Musik erzählen von der bei Morgengrauen beginnenden Wanderung eines zwischen Lebenlust und Lebensfrust zerrissenen Menschen – der am Ende des erlebnisreichen Tages inmitten eines wild tobenden Unwetters seine kathartische Wandlung vom Verzweifelten zum triumphierend Freudvollen erlebt.

In diesen letzten 50 Minuten der Saison ruft Anu Tali eine enorme Fülle an Fähigkeiten des Orchesters ab, lässt sie einnehmend zur Geltung kommen. Das geheimnisvolle Raunen der Morgendämmerung. Deren Hineinwachsen in den Tag durch die von Mahler, mittels damals Neuartigem bei Klangfarbenspiel und Modulationstechniken, geschaffene Raumwirkung. Nicht nur im ersten Satz dürfen und müssen auch quer durch alle Instrumentgruppen brillant einfühlsame Einzelleistungen gezeigt werden. Das gilt ebenso für die beiden Mittelsätze, diese herrlichen, vielfach ironisch oder frech gebrochenen Kabinettstücke aus Tanzbodenseligkeit und launiger Volksliedverarbeitung. Das jauchzt, schluchzt, schlenzt, stampft, trippelt, hüpft, schleicht, singt, sinniert von der Bühne, dass es eine Freude ist.

Nach diesem formidablen Ausklag der Saison sieht man erwartungsvoll der kommenden entgegen. Dann wird Marzena Diakun allein sechs von sieben Orchesterkonzerten der Rheinischen Philharmonie beim Musik-Institut dirigieren.

Andreas Pecht

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