Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Himmel hilf, wir verblöden alle („Quergedanken“)

   Monatskolumne Nr. 250, 30. April 2026

Ältere erinnern sich vielleicht an Dispute in den 1970ern: Sollen im Schulfach Mathematik Taschenrechner erlaubt werden? Als dieser Streit damals losbrach, war die Sache allerdings längst entschieden, denn die Maschinchen hatten da den Alltag bereits erobert. Die Welt ist von dieser Neuerung zwar nicht untergegangen, aber sie hat uns Menschen doch beträchtlich verändert. Wie das? Ein Beispiel: Die 90-jährige Seniorin meiner Hausbäckerei addiert die Preise selbst komplizierter Bestellungen im Kopf schneller als ihre Finger sie in die Kasse eingeben können.

Sie hat das Kopfrechnen als Kind gelernt, dann lebenslang ausgeübt. Auch mir wurde in den ersten Schuljahren das Praktizieren der vier Grundrechenarten im Kopf mit brachialen Lernmethoden regelrecht eingedrillt. Ich weiß zwar heute noch, wie es geht, aber von Können kann keine Rede mehr sein. Die Taschenrechnernutzung von den mittleren Gymnasialjahren an hat mir das Kopfrechnen ausgetrieben. Würde man Hirnscans von damals und heute vergleichen, käme heraus: Das Ersetzen des Kopfrechnens durch die neue Fertigkeit des Tastendrückens hat zu einem Umbau der Verschaltungen im Gehirn geführt. Gewinn oder Verlust für den Homo sapiens?

Heute wären wohl viele selbst mit dem kleinen Einmaleins überfordert. Rechnen ist delegiert an den Taschenrechner, den fast alle ständig mit sich führen: Er steckt im Smartphone. Wie auch die Navis, von denen wir uns durchs Straßennetz, über Wanderwege oder bei Städtetouren leiten lassen. Leider haben einige der mittlerweile unzähligen Forschungen, die sich mit den Wirkungen des neuen elektronischen Sinnesorgans Smartphone auf das Menschsein befassen, herausgefunden: Ständige Navi-Nutzung baut das Orientierungsvermögen ab. Wer sich nie verirrt, nie nach dem Weg sucht, nie eine Karte studiert, mutiert zum blinden Huhn. Gewinn oder Verlust?

Wie steht es mit dem Erinnerungsvermögen? Die Wissenschaft weiß schon lange, dass das Gedächtnis ähnlich der Muskulatur gefordert und trainiert werden will, andernfalls es rasch erschlafft. Doch belastet sich das Gehirn nur ungern mit dem Speichern von Eindrücken und Erkenntnissen, wenn es weiß, dass es diese jederzeit auf anderen Wegen herbeirufen kann. Also etwa über das Smartphone als Schlüssel zum gesamten Wissen der Menschheit. Warum noch etwas genau ansehen, mühsam lernen und behalten, wo ich mir doch alles zu jeder Zeit auf die Hand holen kann?

Noch einen Schritt weiter, vom Gedächtnis zum Denken. Warum sollte man Bücher und lange Artikel lesen, über Komplexitäten grübeln, angestrengt Fakten abwägen, nach der Wahrheit suchen? Wofür ich Stunden bräuchte, das fasst mir die KI binnen Sekunden in verständliche Happen zusammen. „In der Kürze liegt die Würze“ heißt es doch – und Hand aufs Herz: Fällt es nicht den allermeisten von uns immer schwerer, mit ungeteilter Aufmerksamkeit länger als einige Minuten bei einer einzigen Sache zu bleiben? Wo doch ständig die ganze Welt mit ihrer unendlichen Informations- und Vergnügungsfülle anklopft, lockt, um unsere Aufmerksamkeit buhlt.

Freund Walter und ich schauen uns betroffen an. Denn es scheint die Erkenntnis auf: Das geht nicht nur anderen so, auch wir sind durch die alltägliche, schier unausweichliche Gewöhnung an die ach so praktischen, bequemen, hilfreichen, nützlichen, kurzweiligen neuen Techniken auf der Rutsche in die Verblödung gelandet. Wider Willen zwar, aber unverkennbar.

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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