Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

„In der Kürze liegt die Würze“ – Ist das so? Eher nicht

ape. Heute bekam ich Post von einer wohl älteren Dame. Eine nette e-Mail, in der sie erklärt, dass sie seit Jahrzehnten alle Texte von mir lese, die sie in die Finger bekomme. Denn sprachlich sei die Lektüre fast immer ein Freude und inhaltlich meistens interessant, auch wenn sie beleibe nicht alle meine Ansichten teile. Sowas hört man gerne, und ich habe mich auch artig bedankt. Widersprechen musste ich allerdings dem gut gemeinten Rat, den sie mir am Ende ihrer Mail gab: „Sie sollten unbedingt kürzer schreiben, dann würden viel mehr Leute ihre Texte lesen. In der Kürze liegt die Würze.“
Nicht in jedem Sprichwort steckt Weisheit, in manchem nichtmal Wahrheit. Was nützen einem viel mehr Leser, wenn man im Text wegen Kürze nicht mehr ausführen kann, was notwendig wäre zur Erhellung, zur Verständlichmachung eines Sachverhalts. Was soll mir ein Textchen, das komplexe Zusammenhänge auf oberflächliche Schlagworte reduziert? Wie beim Fast-Food mag in der Kürze vielleicht etwas Würze liegen, gesunden Nährwert indes findest du da kaum.
Man stelle sich vor, die Zivilisationsentwicklung wäre nach der Maxime „In der Kürze liegt die Würze“ verlaufen: Die Weltliteratur würde Romane nicht kennen und nur aus Kurzgeschichten bestehen, die Philosophie nur aus knappen und beliebig interpretierbaren Sinnsprüchen, wie sie einem etwa in Facebook täglich dutzendfach zwischen die Füße fallen. Auf dem Theater spielte man bloß fünfminütige Sketche, in den Konzertsälen statt Sinfonien nur dreiminütige Jingles. Der politische Diskurs bestünde aus bloßem Parolenaustausch – und wissenschaftliche Entwicklung gäbe es gleich garkeine, weil niemand aussagekräftige Forschungsberichte schreiben könnte und produktiver Austausch zwischen Wissenschaftlern nicht entstehen würde.
Wer nun meint, die Forderung nach Kürze könne zumindest ein Schutz vor haltlos ausufernder Salbaderei sein, irrt wahrscheinlich in den meisten Fällen. Denn was auf die Länge ohne Gehalt ist, würde in der Kürze auch keinen gewinnen.
Andreas Pecht
Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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