Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Anmerkung anlässlich Weltalphabetisierungstag

ape. Anlässlich des heutigen Weltalphabetisierungstages las ich in der Zeitung: Hierzulande gibt es knapp 11 Millionen Analphabeten oder Menschen mit signifikanter Lese- und Schreibschwäche im Deutschen. Gut die Hälfte davon seien Deutsch-Muttersprachler; die anderen hätten Deutsch als nachgelernte Zweit- oder Drittsprache, Zugewanderte also. Ohne irgendein politisches Fass aufmachen zu wollen, habe ich nun einfach mal versucht mir vorzustellen, wie das so sein könnte: In der deutschsprachigen Welt zu leben und jeden geschriebenen Text nur mit größter Mühe oder gar nicht zu verstehen, obendrein mich selbst nie schriftsprachlich ausdrücken zu können.

Ich muss gestehen, mich da hineinzudenken und -zufühlen, fällt schwer – einem wie mir, dem seit seiner mittleren Kindheit Lesen ein zentrales Lebenselement ist und seit früher Jugend eigenes Schreiben als mindestens ebenso wichtiges Ausdrucksdmittel gilt wie Sprechen. Um dem nachfühlenden Verstehen für die Weltwahrnehmung von Mitmenschen mit besagter Lese-/Schreibschwäche doch etwas näherzukommen, habe ich mir eine – vielleicht etwas seltsam anmutende – gedankliche Hilfskonstruktion gebaut: Stell dir vor alle hiesigen Zeitungen schrieben nach der Art von Immanuel Kants Werken oder sämtliche hierzulande auftauchenden Texte wären durchgehend in Englisch abgefasst. Auch müssten deine eigenen schriftsprachlichen Ergüsse dementsprechend ausfallen.

Was wäre dann? Vor dem Hintergrund meines tatsächlich grottenschlechten Englisch oder der enormen Schwierigkeit Kant’scher Texte würden Lesen und Schreiben sich von einer munter fließenden alltäglichen Selbstverständlichkeit in ein mühsames, furchtbar langsames, der Inhalte oft unsicheres, quälendes Geschaffe verwandeln. Die Freude am schiftsprachlichen Tun wäre perdu, ich würde mich seiner wohl nur noch notwendigerweise resp. gezwungenermaßen rudimentär bedienen.

Ja, ja, ich weiß: Kann man alles lernen, Alphabetisierung muss (besser) gefördert werden, Sozialpolitik, Bildungspolitik, Elternengagement etc. pp. Aber darum ging es mir nicht. Ich wollte einfach mal selbst erahnen, wie sich das anfühlt so eine Lese-/Schreibschwäche. Dies auch vor dem Hintergrund jüngster Forschungsergebnisse über erwartbare Folgen massenhafter und zeitintensiver Nutzung von Smartphone- und Social-Media-Kommunikation sowie KI-Techniken für Texterstellung und gesprochene Kommunkation: Die individuellen schriftsprachlichen Kompetenzen werden auf breiter Front rückläufig sein. Andreas Pecht

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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