ape. Warum denke ich – der seit mittleren Jugendjahren bekennende Atheist – am heutigen Himmelfahrtstag plötzlich an Fronleichnam? Der Grund für diesen gedanklichen Salto findet sich in keiner noch so vertrackten Philosophie oder Theologie, sondern in der Botanik. Als ich am Mittag ummantelt und winterbemützt mal kurz ums Haus schlendere springt mir ins Auge: Die Fronleichnamsblumen stehen ja flächig schon in voller Blüte. Fronleichnamsblumen? Spart euch das Nachschlagen im Lexikon, den Begriff gibt es darin nicht. Das ist meine eigene oder eine innerfamiliäre Wortprägung, die seit etwa 65 Jahren in meinem persönlichen Wortschatz steckt. Sie steht für Margeriten (Leucanthemum), und zwar die Art mit dem gelb-orangen Blütenkern und dem Kranz weißer Blütenblätter drumherum.
Wie kommt es zur Benennung der Margeriten als Fronleichnamsblumen? Das wiederum hat zu tun mit katholischem Brauchtum meiner Kindheitsheimat im unteren Neckartal (gewiss auch anderswo, aber darüber wieß ich nichts Näheres): Wenn am Fronleichnamstag die katholische Prozession aus der Kirche hinaus und durch die Straßen des Städtchens Neckargemünd (bei Heidelberg) zog, waren nicht nur der Pfarrer und seine Entourage aus Gemeindevorständen, Messnern, Ministranten, Choristen, Posaunenchor festlich gewandet. Es waren auch alle gutkatholischen Häuser am Zugweg geschmückt mit Flaggen, Kerzen, ikonischen Bildern und Skulpturen, frischem Waldgrün – und teils enorm aufwendigen Teppichen aus Blumenteilen.
Diese Teppiche wurden von den Frauen der Häuser in den oft noch dunklen oder dämmrigen Früheststunden des Feiertages gelegt (und nicht selten erst kurz vor Eintreffen der Prozession hektisch fertiggestellt). Fronleichnam war für die Frauen der Gemeinde eine sehr anstrengende Sache, denn am Nachmittag und Abend zuvor hatten sie bereits die Blumenteppiche vor den drei bis fünf großen Stationen-Altären entlang des Prozessionsweges ausgelegt. Und nun kommen die Margeriten ins Spiel. Sie waren ein wesentlicher Materialbestandteil aller Blumenteppiche im Städtchen.
Es war am Vortag immer eine riesige und auch wunderbar abenteuerliche Aktion, wenn wir Kinder (und nicht nur die katholischen) quietschvergnügt in die Umgebungsflur ausschwärmten, um säcke-, kisten-, körbeweise Farne, Margeriten und auch ein paar andere Blümchen zu pflücken und im Gemeindezentrum abzuliefern. Dort sortierte, schnitt, zupfte, zippelte an langen Tischreihen eine bunte Heerschar von Omas, Müttern, Ordenswestern, Kindern vergnügt am Sammelgut herum, bis etliche große Wannen mal mit reinweißen, mal gelben, mal grünen Pflanzenteilen gefüllt waren; ein paar Eimer blauen und roten anbei. Zwischendurch tauchten von irgendwoher belegte Brötchen, Stullen, Hefezöpfe, Limoflaschen, Kaffekannen auf, das allgemeine Pallaver mutierte zum allgemeinen Mampfen. Manchal wurde sogar gesungen; nein, keine frommen Lieder, vielmehr Kinderlieder oder Volkslieder. Ein Fest, ein Arbeitsfest.
Da der weibliche Strang meiner Sippe sehr, sehr katholisch war, gehörte zu meinen selbstverständlichen, unhinterfragbaren Bubenpflichten, an all diesem Tun eifrig und ohne Murren (das kam erst in späteren Jahren) mitzuwirken. Der vorbereitenden Fronleichnamstradition erinnere ich mich gerne als rechtes Kindervergnügen. Die Prozession selbst fand ich dann eher (zu) lang und langweilig. Hingegen war mir das Nachspiel stets eine Freude: Noch vor dem letzten Segen setzten Großvater und Vater sich ins Wirtshaus ab. Da mogelte sich der Kleine zwischen den immer größer werdenden Kreis um den runden Stammtisch, bekam sogleich ein Malzbier und ’ne Tüte Salzstangen spendiert.
So war das. Und also dürfte verstanden sein, warum ich heuer am Himmelfahrtstag an Fronleichnam denke. Andreas Pecht
