Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Die Liebe ist eine Himmelsmacht („Quergedanken“)

   Monatskolumne Nr. 246, 29.Dezember 2025

„Du spinnst wohl!“ Walter sieht die Überschrift und schimpft wie ein Rohrspatz: „Die Welt brennt an allen Ecken, du aber kommst uns zum Jahreswechsel mit was? Mit romantischem Gesäusel.“ Das sei ein Unding zetert der Freund, rattert die internationalen und nationalen Furchtbarkeiten „unseres neuen Zeitalters der Unvernunft“ herunter, wie er die Gegenwart neuerdings nennt. Tja, wie bisweilen sogar in Liebesbeziehungen die Fetzen fliegen, so muss es auch unter Bestfreunden mal krachen, das gehört zum Leben dazu. Allweil nur Friede, Freude, Eierkuchen wäre unnatürlich, auch recht langweilig. Zwar bin ich nahe dran, selbst aus der Haut zu fahren und zurück zu poltern, verkneife es mir aber zähneknirschend, bescheide dem Freund nur knapp: „Halt die Klappe, lass mich schreiben, nachher können wir disputieren.“

Nun denn, die Liebe. Die Idee hinter der Wahl des Themas ist: Wie soll man eine wie irre aus den Fugen geratende Welt ertragen, ohne Kraft schöpfen zu können aus dem größten Positivgefühl, das wir Menschen kennen? Die Liebe ist eine Himmelsmacht, sagt der Volksmund. Er meint damit, sie sei so stark, so unüberwindlich wie ein Gebot der Götter. Wer den Spruch erfunden hat, weiß man nicht. Aber auch ohne religiöse Bindung ist klar, was er bedeutet: Der Liebe wohnt eine Kraft inne, die einen wappnen kann gegen Unbilden des Lebens; die einen stärken kann gegen Ungerechtigkeiten, Vorurteile, Lüge; die einen trösten kann in der Not; die Hoffnung spenden und Widerständigkeit unterstützen kann, wenn es düster wird ringsumher.

Von welcher Liebe ist hier eigentlich die Rede? Geschlechtliche Liebe, Kinderliebe, Nächstenliebe, Liebe zur Natur, zur Kunst? Egal, sucht euch irgendeine aus, betrachtet sie näher, lasst euch darauf ein – und ihr werdet sie finden, die Kraft, die Freundlichkeit, die Freude, die Empathie, die ihr innewohnen. Ja, ja, gewiss, wo Liebe ist, taucht bald auch der Liebeskummer auf. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt gehören nun mal zusammen wie Harmonie und gelegentlicher Streit oder wie in allen Künsten Schönheit und Tragik. Doch wo Liebe ist, lassen sich Wege finden, seien es vorübergehendes Schmollen, reinigendes Gewitter oder verarbeitende Trauer über einen Verlust. Aus dem Gegenteil der Liebe, dem Hass, ergibt sich immer nur Zerstörung.

Nehmen wir die geschlechtliche Liebe. „Frisch Verliebte sind unzurechnungsfähig, völlig verrückt“, heißt es sinngemäß und gar nicht abwertend in den Humanwissenschaften. Wer sich noch erinnert an frühe große Jugendlieben, wird sogleich schwelgen: Wie wunderbar war das doch! Frisch Verliebten heutzutage geht es auch nicht anders. Konventionen, Vorschriften, Verbote, Be- und Verklemmungen, eben all das vermeintlich „Normale“ muss für eine Weile zurücktreten hinter den Drang zur Zweisamkeit zwischen ihr und ihm oder ihr und ihr oder ihm und ihm oder wem auch immer. Die gesamte Körperbiologie ist auf Ausnahmezustand hochgefahren, frisch Verliebte sind Vulkane. Diesen Zustand kann kein Mensch dauerhaft durchhalten, weshalb die Natur vorsieht, dass die Liebe sich alsbald ruhigere Fahrwasser sucht und ihre Himmelsmacht auf andere Art ausübt als in Form einiger Wochen oder Monate verbrennend explosiver Glückseligkeit.

Jetzt, lieber Walter, lass uns streiten: Wie willst du die 2026er Zumutungen durchstehen, dich diesen oder jenen gar widersetzen, ohne Stärkung durch die Himmelsmacht der Liebe?

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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