Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Krawallwetter und Ballspiele

ape. Zwischen dem Schreiben dieser Kolumne und ihrem Erscheinen liegen produktionsbedingt stets acht bis zwölf Tage. Da kann viel passieren. Es könnten diesmal in der Zwischenzeit die Briten aus der EU ausgetreten sein. Oder der unsinnige Aufmarsch von Nato-Truppen an der russischen Grenze zu ernsten Spannungen geführt haben. Oder die große Streik- und Protestbewegung gegen die Arbeitsrechtsreform in Frankreich zum Generalstreik aufgewachsen sein. Es könnte auch wieder irgendwo ein Irrer oder ein Terrorkommando Schlächtereien veranstaltet haben. Und sowieso ersaufen während dieser acht bis zwölf Tagen erneut ein paar hundert arme Menschen im Mittelmeer, sieht Europas Politik gleichmütig weg, folgen etliche unserer Landsleute diesem Beispiel, applaudieren gar. Oder …

„Lass es!”, interveniert Walter. „Keine Politik diesmal – das macht so schlechte Laune, dass du vor lauter Zähneknirschen bald kein Wort mehr rausbringst.” Und worüber soll ich schreiben? Der Freund klatscht in die Hände: „Ei, übers Wetter vielleicht oder über die Fußball-EM in Frankreich‘.” Soll sein, ich lasse mich ja gerne beraten. Wetter könnte in der Tat ein schönes Thema sein. Jedenfalls ist es dasjenige, über das alle Menschen seit Menschengedenken so viel reden wie über kein anderes. Außerdem zeigt sich nirgendwo sonst Kritikfähigheit als Grundeigenschaft des entwickelten Homo sapiens derart deutlich wie beim Wetter. Das gilt auch für mich.

Am Morgen in der Zeitung den Wetterbericht angeschaut: Die Vier-Tages-Bildchen zeigen gleichzeitig Sonne plus weiße plus graue Wolken aus denen es regnet und auch Blitze zucken. Darunter steht: „Schwere Gewitter und starker Regen ziehen heran.” Das geht nun seit Wochen so – jede Menge lokale Sturzflutkatastrophen inklusive. Da hast du dein Gute-Laune-Thema, lieber Walter: Krawallwetter in einer Tour, wild gewordene Bäche und mitten im Sommer schmeißt Frau Holle mit Eisbrocken um sich. Und scheint mal für ein Stündchen die Sonne, rinnt einem gleich der eigene Saft über diese Backen herunter und zwischen jenen hindurch; schier kriegt man ’nen Herzkasper von den Schwülitäten. Geht’s noch?!

Dann lieber das Thema Fußball. Das ist schließlich nur ein Spiel, ein sportiver Wettbewerb aus Spaß an der Freud. Obendrein ist heute (16.6.) der Tag, an dem die Mannschaft aus Deutschland abends zu ihrem zweiten EM-Einsatz aufläuft. Gegen wen eigentlich? Egal. „Wir” werden sowieso siegen und selbstverständlich Europameister. Was aber, wenn denn doch nicht? Dann sind diese afrikanisch-, türkisch-, albanisch- und sonstwiestämmigen deutschen Spieler schuld, die nichtmal die Nationalhymne mitsingen. Und es sind all diese vaterlandslosen Gesellen schuld, die im Stadion, beim Public-Viewing und vor dem Fernseher nicht eifrig genug die Nationalfahne schwenken.

Noch schuldiger machen sich Deutsche, denen Fußball und das Abschneiden der deutschen Mannschaft am Allerwertesten vorbeigeht. Am schuldigsten aber sind Typen wie ich, die nur guten Fußball sehen wollen und der besten Mannschaft den Lorbeer gönnen – egal, wer es sei. So ein undeutsches Verhalten aber auch. Ach Walter, es wird so heftig gezankt über Zeugs, das mit dem Spielgeschehen nicht die Bohne zu tun hat. Ich fürchte, auch das Ballspielen ist kein Gute-Laune-Thema mehr. Was nun? „Lass uns in mein Gartenhäuschen fahren, dort steht noch eine Flasche voll mit sehr gutem Obstschnaps”, schlägt der beste aller Echtfreunde vor.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 25./26. Woche im Juni 2016)

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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