Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Neujahrsessay 2000: Zukunft hinnehmen oder gestalten?

ape. Uff, geschafft. Der Weltuntergang fiel aus, nicht das globale Datennetz. Seht, wir beherrschen, was wir erfunden; die Technikgemeinde trägt das Haupt erhoben. Das 00-Problem scheint erledigt, die übrigen bleiben uns erhalten.

Große Gegenwartsfragen sind überwiegend solche von unmittelbar globaler Bedeutung geworden. Welt-Fragen, die heute schon und in den kommenden Jahren immer stärker jedermanns Lebensart, die gesamte Kultur also, in bislang nicht gekannter Weise direkt beeinflussen werden. Die Diskussion um diese Fragen hat bereits im zurückliegenden Jahr Politik, Wirtschaft, Geistes- wie Naturwissenschaft und Kultur gleichermaßen erfasst. Sie wird, sie muß weiter gehen.

Globalisierung war der Zentralbegriff in 1999. Er bezeichnet die weltweite Computervernetzung ebenso wie den globalen Kapitalmarkt, den Warenmarkt und die in immer rascherem Tempo sich herausbildenden Planeten-umspannenden Konzerne. Globalisierung, ein ursprünglich trockenes Wirtschaftsthema, macht Karriere, ist während der letzten Monate selbst in die philosophischen Elfenbeintürme geflutet und hat die Feuilletons durchwuchert.

„Der Kapitalismus ist von der Kette“ heißt es, er fresse nun seine Kinder und Geschwister: die Nationalstaaten, die Nationalkulturen, die parlamentarischen Demokratien, die bürgerliche Lebensform der Kleinfamilie. Denker aller Fakultäten kommen inzwischen zu dem Schluss: Man kann die Globalisierung nicht frei laufen lassen, denn das hitzige Spekulationsspiel mit vagabundierenden Giga-Kapitalien ist für die Gesamtgesellschaft ebenso gefährlich wie für die Marktwirtschaft das von ihr selbst hervorgebrachte Fusionsfieber.

Wirtschaftliche Machtballungen bilden sich international heraus, auf die national organisierte „kleine“ Staatsgewalten kaum mehr Einfluss haben. Staatspolitik droht sich darin zu erschöpfen, globale Kapitalien mit lukrativen Bedingungen in die jeweils eigene Gemarkung zu locken. Die Diskussion um Begrenzung, Strukturierung, Abfederung, Lenkung dieser Gegenwartstendenz oder um grundsätzliche Alternativen dazu hat eben erst begonnen, und sie kennt kaum Tabus – was wenig erstaunt angesichts der Gefahr, die Menschheitsentwicklung vollends den bewusstlosen Automatismen der bloßen Geldvermehrung ausliefern zu müssen.

Das Weltklima hat sich hier zu Lande mit „Lo~thar“ als schon brennende Gegenwartsproblematik in Erinnerung gebracht. Die lange vorhergesagten Veränderungen, sie haben unseren Alltag erreicht. Und: Es wird alles noch dicker kommen. Zug um Zug verursachen die ökologischen Probleme neben Einschränkungen des Wohlbefindens und Gefahren für Leib und Leben auch spürbare volkswirtschaftliche Kosten. Lothar kostet viele Millionen, El Nino und Schwester kosten Milliarden, die Folgen des Treibhauseffektes werden in nächster Zukunft unvorstellbar große Teile des Welt-Bruttosozialproduktes verschlingen. Soll man die ausgeben für immer wiederkehrende Katastrophenmaßnahmen und Aufräumarbeiten? Oder soll man heute die schwierige und kostspiele Aufgabe in Angriff nehmen, Ärgeres ursächlich zu vermeiden?

Die Bevölkerungsexplosion droht jeden Schritt in Richtung vernünftiger Zukunftsorganisation, so es ihn gibt, zunichte zu machen. Von Christi Geburt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs die Menschheit geradezu gemächlich von 250 Millionen auf 1,6 Milliarden Köpfe. Von 1900 bis Ende 1999 explodierte sie auf 6 Milliarden und noch immer beschleunigt sich diese Entwicklung. Vielleicht ließen sich heute bei gerechter Verteilung der Reichtümer der Welt erträgliche Lebensbedingungen für alle Menschen eben noch erreichen. Doch schon in der nächsten Generation könnten 10 Milliarden den Planeten bevölkern: Damit zerplatzt dieser soziale Traum ebenso wie der gen-wissenschaftliche Wahn vom alle satt machenden Labor-Manna.

Es muß der Menschheit gelingen, in einer gewaltigen Gemeinschaftsanstrengung durch vielfältigste politische, soziale, aufklärerische Mittel das Bevölkerungswachstum noch in dieser Generation nachhaltig zu bremsen. Andernfalls wird des eben begonnene Jahrhundert zum Säkulum der Acker- und Wasserkriege, der Hungersnöte und faulenden Megastädte, der großen Völkerwanderungen Richtung Industrieländer.

Die Gentechnik kann Fluch und Segen zugleich sein. Sie verlangt vorderhand eine Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass in der bisherigen Menschheits-Geschichte stets auch gemacht wurde, was möglich ist. Lässt sich dieser Gesetzmäßigkeit Einhalt gebieten? Oder müssen wir uns damit abfinden, dass an den Grundbausteinen des Lebens mit jeder nur denkbaren – erwünschten oder unerwünschten – Zielrichtung herummanipuliert wird. Lassen sich ethische Grenzlinien ziehen, vernünftige Lenkungsmechanismen einrichten, oder müssen wir ohnmächtig zusehen, wie jedwede Gen-Erfindung mit Aussicht auf geldwerte Rentabilität realisiert wird?

Die Atomisierung der Gesellschaft geht weiter. Nachdem in der Epoche der industriellen Revolution die Großfamilie aufgelöst wurde, droht jetzt die Kleinfamilie Opfer des digital-globalen Zeitalters zu werden. Gesteigerte Flexibilität und Mobilität verlangt dieses von jedem: Ständig wechselnde Berufe, Arbeitsorte, Arbeitsplätze, Arbeitgeber und Entlohnungen, Regelarbeitszeiten nachts und an Wochenenden stehen zu erwarten. Wurzeln schlagen, Leben planen, ein Heim bauen, Familie pflegen – hat solche Lebensart da noch eine Chance? Sind alternative Lebens- und Wirtschaftsformen entwickelbar oder gehört die Zukunft dem allweil bindungslos durchs globale Dorf hetzenden Single?

Fünf aktuelle, die ganze Welt und jedes Individuum betreffende Großprobleme. Man kann, wie gehabt, die Dinge ihren Gang nehmen lassen und darauf hoffen, dass die Fragen von alleine auch ihre Antworten produzieren. Man kann aber auch versuchen, Zukunft mit Wille und Bewusstsein zu gestalten.

Andreas Pecht

Erstabdruck 2. Januar 2000

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