Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Kleinste gemeinsame Nenner („Quergedanken“)

         Monatskolumne Nr. 224, März 2024

Neulich haben Freund Walter und ich gedanklich mal unsere näheren Verwandten, Bekannten, Freunde durchgehechelt. So nach der Devise: Was ist Hugo für eine Type, wie tickt Frieda? Ein bisschen Tratscherei halt. Schnell ausbaldowert waren die Unterschiede nach Lebensweisen, Soziallage, Polit-Orientierung, Arten und Unarten. Und wir konnten festhalten: Alle irgendwie Mittelschicht, freilich mit sehr weiter Spreizung zwischen knappem Einkommen und gut situiert.

Es handelt sich bei unseren Bekanntenkreisen keineswegs um Blasen Gleichgesinnter, wie sie im Internet häufig anzutreffen sind. Die Realität ist vielschichtiger. Auch streitlustiger, doch auf eine andere Art als zumeist im Netz. An Wirtshaustisch oder Verwandtentafel, so von Angesicht zu Angesicht, tritt unter halbwegs gesitteten Menschen schäumendes Dreckschleudern selten auf. Intuitiv weiß man sogar bei scharfen Disputen: Das wäre unanständig – und bremst sich. Nicht immer einfach, wenn scheinbar unversöhnliche Positionen aufeinanderprallen.

Das geschieht öfter in unserem Bekanntenkreis. Zu dem gehören eben auch Leute, die sich nicht vorstellen können, jemals SPD, Grüne oder Linke zu wählen. Wie umgekehrt die anderen niemals ihr Kreuz bei CDU/CSU oder FDP machen würden. (Und beide sowieso nicht bei der AfD). Um da einigermaßen Frieden am Tisch zu halten, braucht es etwas Selbstdisziplin, also Zivilisiertheit. Wenn bei uns die Wogen mal hoch schlagen, sind zwei Methoden hilfreich, sie auf ein vernünftiges Diskursmaß zu dimmen. Erstens: Konzentration auf das Sachthema, weg von parteitaktischen Einfärbungen. Zweitens: Besinnung auf die kleinsten gemeinsamen Nenner, die alle am Tisch teilen.

Als Walter und ich bei unserer Tratscherei diesen Gemeinsamkeiten nachspürten, wurde es spannend. Denn es gibt davon, jedenfalls in unserem Kreis, eine erstaunliche Menge. Beispiele:

Man lässt in Not geratene Menschen nicht ersaufen. Egal, ob es sich um Flüchtlinge auf dem Meer handelt, oder aus Leichtsinn in die Rhein-Strömung gestürzte Dummköpfe. Punkt. Ohne die Mitarbeitenden aus dem Ausland oder mit Migrationshintergrund würde hierzulande alles zusammenbrechen. Punkt. Deutschland ist seit Jahrzehnten überbürokratisiert; es wird Zeit, sinnvolle von unsinnigen Verwaltungsakten zu unterscheiden und letztere zu tilgen. Punkt. Klimaschutz ist eine zentrale Menschheitsaufgabe. Punkt.

Ob hetero-, bi- oder homosexuell spielt bei der Wertschätzung für einen Menschen so wenig eine Rolle wie das afrikanische, asiatische, süd- oder nordländische Aussehen. Punkt. Dass immer mehr Leute sich vegetarisch oder vegan ernähren ist ökologisch begrüßenswert – ansonsten kann man selbst ja frei entscheiden, was einem auf den Teller kommt. Punkt. Am Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk gibt es auch bei unseren Bekannten jede Menge Kritik; doch auf dessen politisches, wissenschaftliches, kulturelles Informations-/Diskursangebot sowie Teile seines Unterhaltungsprogramms möchte doch niemand verzichten. Punkt. … Und manches mehr.

Gewiss, hinter den Grundhaltungen stecken komplexe Probleme und mannigfache Differenzen hinsichtlich der politischen und gesellschaftlichen Praxis. Doch wie jetzt die großen Demonstrationen gegen die braune Bedrohung zeigen: Verständigt man sich über die kleinsten gemeinsamen Nenner, lässt sich über alles andere mal mehr, mal minder produktiv streiten. „Das jedoch nur in der Demokratie“, brummt Walter.

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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