Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Sommermode 2021: unten hui, oben pfui?

Nach zweimonatiger Corona-Zwangspause darf ich für diese Stelle mal wieder zur Feder greifen. Von einer der schönen Seiten des Lebens sollte die schreiberische Rede gehen, nicht wieder von der vermaledeiten Seuche. Von hübschen und aufhübschenden Modetrends wollte sie handeln, die in der warmen Jahreszeit allüberall Kopf und Herz der TrägerInnen wie der Betrachtenden erfreuen. Doch kaum ist solch harmloser Gedanke gefasst, stolpert er über die (noch) nirgends umgehbaren pandemischen Unbilden.

Es sind nämlich die Modezyklen gehörig aus dem Tritt geraten. Die im Winter 2019/2020 erworbenen Teile aus den Frühjahrskollektionen konnten kaum ausgeführt werden. Genauso erging es den im Spätsommer 2020 gekauften neu-modischen Kleidungsstücken für die jetzt auslaufende Wintersaison. Flaniergarderobe, Club-Wirtshaus-Partygarderobe, festliche Garderobe … hängen nagelneu im Schrank, kommen im Lockdown mangels Gelegenheit selten bis nie der Mitwelt vor Augen. Ergo bin ich leider nicht in der Lage, verlässlich zu prognostizieren, was die Mode, insbesondere die für jüngere Frauen und reifere Damen, Reizendes in diesem Frühjahr/Sommer in die mehr oder minder belebte Öffentlichkeit bringt.   

Vielfach trifft das sogar auf Büro- oder Oberschul- und Uni-Garderobe zu; jedenfalls deren untere Hälfte. Sind die Herrschaften obenrum für die Schaltkonferenz aus dem Homeoffice noch schniecke geputzt, mag man sich kaum vorstellen, was unterhalb der Kameraerfassung an anrüchigem Verfall der Bekleidungskultur abgeht. Da dürfte mancher seinen Unwillen gegen Vorgesetzte klammheimlich in einen Gedanken packen, dessen Möglichkeit buchstäblich bereits vorbereitet ist: „Gleich spring ich ihm/ihr mit dem nackten Ar…. ins Gesicht“. Die alte Volksweisheit vom „Oben hui, unten pfui“ feiert auf diesem Feld derzeit fröhliche Urständ – und bestätigt so ein ewiges Gesetz des Modemachens, das mir aus kundigem Munde offenbart wurde: Je mehr gestalteter Stoff obenrum, umso weniger untenrum; und umgekehrt.

Dies Gesetz könnte nun unter den besonderen Bedingungen unserer Gegenwart auch zur Umkehrung besagter Volksweisheit führen. Denn ganz „oben“ wird reichlich hässlicher Stoff – unvermeidlich – die ausdrucksstärkste Partie unseres Körpers verhüllen: die medizinische Mund-Nasen-Maske das Gesicht. Und man baue für die zwischenmenschliche Beeindruckung bloß nicht so sehr auf die frei bleibenden Augen. Deren Kraft rührt nämlich nicht von den Glubschern selbst, sondern von ihrem Zusammenspiel mit Dutzenden von Gesichtsmuskeln. Die aber werden auch in diesem Sommer noch bedeckt sein.

Fällt Mimik zur Kommunikation weg: Was bleibt? Das „Unten“ muss sich umso eindringlicher Ausdruck verschaffen. Gemäß dem beschriebenen Gesetz des Modemachens gilt deshalb für Sommer 2021: Da im Gesicht so viel Stoff hängt wie nie, braucht es vom Hals bis zu Sohle davon sehr wenig. Freund Walter fällt mir begeistert ins Wort: „Folglich werden die Ladies sich für den Gang in die so oder so pandemisch begrenzte Welt – kontrastierend zur Seuchenmaske – zuhauf kleiden in nackte Schultern, Arme und tiefe Dekolettés, einige werden Bauchfreiheit bis fast hinab zur Venus pflegen, andere Beinfreiheit bis hinauf zur ersten rückwärtigen Mondrundung. Das wird hübsch – obwohl auch viele diese Mode tragen werden, denen sie eher weniger steht. Und mögen die Götter verhüten, dass die Mannsbilder all ebenfalls auf diesen Trend verfallen.“    

 

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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