Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Vom Räumen eines Bücherregals

ape. Muskelkater zum Steinerweichen – herrührend bloß von der Beschäftigung mit „ein paar“ Büchern. Nach vier Tagen Leiterchen rauf und runter, Staubsauger an uns aus, Trepp auf und ab ist es geschafft: Das Hauptregal im Wohnzimmer geräumt, knapp 50 Umzugskartons mit entstaubten Büchern (welch ein Glück, dass derzeit Atemmasken zuhauf im Hause sind) auf andere Zimmer und Keller verteilt, das Regal abgeschlagen und nach draußen verfrachtet. Die Handwerker für die Wohnzimmersanierung können kommen, denn die paar übrigen Möbel sind binnen Stundenfrist rausgetragen.

Tja, die Bücher. Abgesehen von der schier unfassbaren Menge Druckwerke, die eine über Eck 7,5 Meter lange und 2,20 Meter hohe Regalwand beherbergen kann, zumal in Doppelreihe hintereinander gestellt: Das Ausräumen wird unversehens auch zur Erinnerungsreise durchs Leben. Staunend erlebst du das Wunderwerk des eigenen Gehirns. Du nimmst ein Buch zur Hand,  es macht „klick“ im Kopf, eine Tür springt auf, und schon flutet längst vergessen geglaubtes Wissen durch die Synapsen.

Bisweilen entstehen Erinnungsbilder im Kopf, in welcher Situation oder Lebensphase die Erst-, Zweit-, Drittlektüre manches Sachbuches oder Romans stattfand, sogar was du über das Werk damals dachtest, womit du dich abgemüht hast, was dich begeisterte, was empörte. Manchmal auch umgekehrt: Da greift man ein Buch, das mit Vermerkzetteln und Randnotizen von eindeutig eigener Hand gespickt ist, und doch fällt einem dazu gar nichts ein, ist es, als habe man es nie gelesen.

Dazwischen immer wieder Bücher, die tatsächlich noch nicht gelesen sind. Womöglich ungehobene Schätze, verwahrt für „später einmal, wenn mehr Zeit ist“. Da werden nachher beim Wiedereinräumen allerhand Entscheidungen fällig: Was geht, was bleibt? Für den Augenblick ist das Entsorgungs-Plansoll jedenfalls nicht erfüllt: Drei Kartons sind gar zu mickrig – sind weniger als jenes Viertelpfund Fleisch, das sich Shylock im „Kaufmann von Venedig“ aus dem Leib schneiden soll.

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