Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Denn sie wissen (nicht), was sie tun

Es gäbe ja wirklich Wichtigeres. Aber da das ganze Land sich über diese „Hygienedemos“ aufregt, habe ich mir das Phänomen mal genauer angeschaut. Nach Betrachtung von Reden und Botschaften dort, von Presse- und Augenzeugenberichten darüber, komme ich zu dem Ergebnis: Politisch macht mir diese konfuseste „Bewegung“ der Nachkriegsgeschichte keinen so argen Kummer, epidemiologisch indes größte Sorgen. Ihr einziger gemeinsamer Nenner beruht auf einem Irrtum bzw. einer Lüge, die von der Realität im Ganzen wie individuell jederzeit unangenehm spürbar aufgeklärt werden kann: Sars-CoV-2 existiere gar nicht oder sei völlig harmlos.

In allen übrigen Fragen liegen die Ansichten der beteiligten Grüppchen, Sekten, Leute derart weit auseinander, dass sie wohl alsbald aufeinander losgehen werden. Was, wenn Esoteriker, alternative Impfgegner, Aussteiger, libertine Internationalisten, verirrte Linkradikale, abgedrehte Hippies, vermeintliche Freidenker sowie etliche vom Seuchenschutz genervte Kleinbürger bemerken, mit was für einem Gelichter sie sich da eingelassen haben: mit komplett durchgeknallten Verschwörungsspinnern, vor allem aber mit der Generalmobilmachung hiesiger Rechtsradikaler und Querfrontler.

Denen ist Corona völlig schnuppe und der Unmut gegen „Freiheitsbeschneidung“ durch vermeintlich „überzogene“ Seuchenschutzmaßnahmen nur willkommenes Mittel zum Zweck: Destabilisierung des Gemeinwesens um jeden Preis. Und das betreiben sie ausgerechnet unter dem Deckmantel der Verteidigung von Demokratie, Verfassung, Bürgerrechten, Freiheit – obwohl rassistischen Nationalisten wie auch autoritätssüchtigen Putin- und Trumpverehrern genau diese Werte am Allerwertesten vorbeigehen. Während die Rattenfänger sogar vom „revolutionären Bürgerkrieg gegen die Diktatur“ des nach ihrem Duktus mal links-grün versifften, mal kapitalistischen, mal vom „Weltjudentum“ dominierten Establishments träumen, wollen die anderen bloß zurück zu ihrer altgewohnten Lebensweise.

Jener Teil der „Bewegung“, den Corona und Bürgerrechte im Grunde nicht die Bohne interessieren –  und der für die bunt-skurrile Mischung des anderen Teils in Wahrheit nur Verachtung übrig hat –  weiß genau, was er tut. Das Gros der übrigen Unmutsgemeinde hingegen wird früher oder später entsetzt feststellen, dass ihre „Verbündeten“ sie nur als Manövriermasse für Ziele missbrauchen, die mit dem eigenen wütenden Drang auf bedingungslose Rückkehr zur Normalität herzlich wenig zu tun haben.

Da höre ich Freund Walter hinter seiner Schutzmaske maulen: „Herr Gott, musst du ellenlang die Abstrusität einer kleinen Randbewegung aufdröseln? Ach was, Systemkritik, Widerstand gegen die Obrigkeit, Verteidigung der Bürgerrechte – diese Sesselfurzer von eingebildeten Freiheitskämpfern, Traumtänzer, Gesundbeter, Scheibenwelt-Experten wissen doch gar nicht, was das ist. Bedeutsam an ihnen ist nur: Sie bieten mit ihren oft masken- und abstandslosen Zusammenrottungen dem Virus ein ideales Sprungbrett, uns alle erneut und noch tiefer in die Scheiße zu reiten. Das ist kein Protest, sondern de facto biologische Kriegsführung gegen die Gesellschaft. Das ist so, als hätten wir in der Anti-AKW-Bewegung Castorbehälter in die Luft gesprengt. So meschugge waren wir aber nie. Auch die Millionen Kids von Fridays für Future weltweit sind vernünftiger und verantwortungsvoller als diese „besorgten Erwachsenen“: Sie gehen derzeit nicht auf die Straße zum Demonstrieren, obwohl sie allen Grund dazu hätten.“ Walter ist zornig, sehr zornig.

 

,

Archiv chronologisch

Archiv thematisch