Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Schenk mir doch ein kleines bisschen Stille

Den nachfolgenden Text hatte ich am 1./2. März 2020 geschrieben. Mit ihm sollte meine Kolumne „Quergedanken“ für den Monat Arpil bestückt werden. Damals – vor drei Wochen – war Corona noch eher ein leises Rumoren am Horizont und erschien ein Beitrag über den Normalzustand der modernen Zeit durchaus vertretbar. Am 16. März haben dann der Herausgeber des mittelrheinischen Magazins „Kulturinfo“ und ich entschieden, diesen Beitrag in die Tonne zu treten. Grund: Inzwischen hatte das Virus auch hierzulande Stund‘ um Stund‘ Normalitäten ausgehebelt. Frappierender Zufall obendrein: Mein Text wünscht sich ausgerechnet etwas, was das Virus nun quasi im Vorbeigehen erzwingt – mehr Stille, mehr Ruhe. Bevor morgen die neu geschriebenen Corona-„Quergedanken“ 181 (b) erscheinen, sei hier der Ersttext zur Kenntnis gebracht. Auf dass er nicht einfach so im Müll verschwinde. (ape)    

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ape. Gelegentlich leiht sich Walter mein Auto, um mit einer neuen Bekanntschaft einen netten Ausflug ins Blaue zu unternehmen. Er nennt das: „Vorspiel“. Das Nachspiel habe dann ich auszubaden: Einsteigen in die zurückgegebene Karre, Motor anlassen – und sofort kriege ich derart was auf die Ohren, dass selbige schier wegfliegen. Jedesmal vergesse ich, dass des Freundes erster Handgriff im Auto dem Radio gilt. Er schaltet es ein, dreht es gehörig auf und belässt es auch in diesem Zustand. Der freilich ist das genaue Gegenteil meiner automobilen Gepflogenheit: Das Radio habe ich nie in Gebrauch, fahre am liebsten ohne Ohrbelästigung.

Nicht, dass ich keine Musik mögen würde. Ich bin im Gegenteil ein großer Liebhaber von Klassik, Jazz, ja auch (besserem) Rock und Pop. Gerade deshalb höre ich recht selten Musik. Und schon gar nicht neben anderen Tätigkeiten her, sei es Fahren, Kochen, Bügeln, Sporteln, Holzhacken, Schreiben oder Lesen. Die Tonkunst hat ggf. meine ganze Aufmerksamkeit verdient. Hintergrundgedudel macht mich wahnsinnig. Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ im Fahrstuhl: Da krieg ich die Krätze, weil Perlen vor die Säue. Softbeschallung im Supermarkt macht mich aggressiv und völlig kaufunlustig (lest das, ihr Marketingpsychologen!). Im Restaurant kann mir musikalische Untermalung den Appetit verderben und auf der Toilette das Geschäft ruinieren. Musik zu beiläufigem Säuseln und Raunen verwurstet, ist in meinen Ohren nur noch Geräusch, sprich: Krach.   

„Du hast diesbezüglich eine Macke“, meint Walter, als ich ihn anmotze wegen des radiophilen Krawallanschlags auf mein Gehör. Oh, ich habe eine Menge Macken – manche liebenswert, manche weniger, einige ganz aus dem Normalitätsrahmen fallend. Was die Geräuschkulisse in der Welt angeht, mangelt es mir wohl an der Fähigkeit, diese in stoischer Gleichgültigkeit hinzunehmen oder sie tatsächlich auszublenden. Mir kommen die Städte entsetzlich laut vor. Aber selbst auf dem Land, wo ich wohne, hat das Lärmen in den zurückliegenden 40 Jahren um ein Vielfaches zugenommen.

Auf der Landstraße, die 200 Meter hinter unserem Häuschen durch Wiesen und Wald führt, kam Anfangs alle Viertelstunde mal ein Auto vorbei. Heute surrt, brummt, dröhnt es da von früh bis spät, herrscht nur zwischen 2.30 und 5.00 Uhr so etwas wie Ruhe. Weshalb ich bisweilen zu solch nachtschlafener Zeit vergnügt in der Küche hocke, um mal wieder einen Moment der Stille zu genießen. Denn tagsüber ist Stille nichtmal mehr im tiefen Wald zu finden. Nein, ich spreche keineswegs von Vogelgezwitscher, Bachplätschern oder Rauschen des Windes im Blattwerk. Da können zwar etliche Dezibel zusammenkommen, doch die Stimmen der Natur verbreiten per se eine Art von Ruhe. Was man vom hektischen Rauschen der nahen A3, vom Gedonner der parallelen Intercitystrecke Köln/Frankfurt sowie vom steten Gebrumm des überfüllten Flugzeug-Highways hoch droben nicht sagen kann.

Krach ist das akustische Wesensmerkmal heutiger Zivilisation. Und als würde der moderne Mensch Stille fürchten wie der Teufel das Weihwasser, trägt er das Lärmen hinaus auch noch in die abgeschiedensten Weltecken. Manche Zeitgenossen ängstigt die Gefahr von Stille so sehr, dass sie ständig elektronische Lärmquellen am Körper mitführen. Müssten sie nicht, denn tatsächliche Ruhe und Stille sind so selten geworden, dass wir beide Wörter eigentlich aus dem Sprachgebrauch streichen könnten. 

Andreas Pecht   

 

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