Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Das Schwerste zuerst: Faust II

ape. Koblenz. Am geschlossenen Eisernen Vorhang des Theaters Koblenz hängt ein schnödes Pappschild mit der Aufschrift „Ist gerettet!”. Mit diesem Anfangsbild knüpft jetzt die Inszenierung von Goethes „Faust – Der Tragödie zweiter Teil” an den Schluss des ersten Teils an. Dort rief die sterbende Grete aus „Heinrich! Mir graut’s vor dir.”, darauf feixte der Teufel „Sie ist gerichtet!”, dann aber widersprach ihm eine Stimme von oben „Ist gerettet!”. Nun zerreißt Mephisto wütend den Karton, schmeißt den darob empörten Dr. Faust brutal auf den Boden – von wo aus dieser in feiner Klassikbetonung die Verse seines großen Eingangsmonologes zu Faust II rezitiert.

Derart beginnt ein mit zwei Stunden und 50 Minuten bei diesem Stück erstaunlich kurzer Abend. Das weitschweifige, gelehrte, beredte Goethe’sche Spätwerk wird allgemein sehr selten gespielt, denn viele Theatermacher halten es für sperrig, für dramaturgisch undankbar, gar für heute unspielbar. Doch Intendant Markus Dietze wollte seinem ambitioniert modernisierten Faust I von 2013 unbedingt auch den Faust II folgen lassen. Weshalb jetzt – eine Seltenheit in der Theaterlandschaft – in Koblenz beide Teile auf dem Spielplan stehen, letzterer inszeniert von Christian Schlüter.

Der noch immer verjüngte Dr. Faust hat sich von der Gretchen-Tragödie erholt, oder sie verdrängt. Weiter entschlossen, zum „höchsten Dasein immerfort zu streben”, setzt er seine Reise an der Seite des Mephisto fort. Jetzt geht es in die richtig große Welt hinaus, lässt Goethe seine beiden Hauptfiguren schier die gesamte abendländische Zivilisation abschreiten, kritisch beleuchten und Einfluss darauf nehmen. Was im Original eine Folge zahlreicher symbolischer Szenen ist, die auch tief eindringen in die antike Mythologie, reduziert Schlüter auf eine handvoll Elemente.

Über die Auswahl ließe sich streiten. Warum etwa heute, just im Zeitalter der Gentechnik und Robotik, die Episoden rund um den im Reagenzglas kreierten Humunculus gestrichen sind, bleibt unverständlich. Stattdessen besteht die Inszenierung auf ausführlichem Ausspielen der trojanischen  Begebenheiten mit recht lachhafter Dienerinnen-Choreografie zu sehr sehr langem Monologisieren der von Dorothee Lochner in gekonnter, aber irritierender Unschuldsschönheit ausgeformten Helena.

Überhaupt zeigt die Inszenierung wenig Interesse an den bei Goethe massig angelegten Möglichkeiten zur Beleuchtung unserer Gegenwart. Zwar gibt es in Koblenz etliche moderne und comedyartige Elemente – von der Technofete im kaiserlichen Garten bis zur bärtigen Frau mit Freiheitsstatuen-Krone (Jana Gwosdek lieblich bis wuchtig renitent) als Sohn von Helena und Faust. Auch wird der Publikumsraum von den Seitenlogen über den Parkett-Mittelgang bis zur Fürstenloge mitbespielt (Ausstattung Lena Thelen/Jochen Schmitt).

Das und die vielfältig variierende Nutzung von Haupt- und Vorderbühne nebst Dreh- und Hubtechnik schafft eindrucksvolle Bilder. Die aber bleiben äußerlich – weil letztlich keine Regieidee erkennbar wird, die den Abend im Innersten zusammenhält. In summa haben wir es bloß zu tun mit opulenter Bebilderung ausgewählter Momente aus Faust II. Hochlöblich, dass hörbar sehr intensiv an der Sprechkultur des 13-köpfigen Ensembles gearbeitet wurde. Allerdings fallen die Versbetonungen nun so brav klassisch aus, dass sich die Protagonisten über manche Strecke in einem Sprechkorsett der Vor-Gründgens-Zeit gefangen finden.

Bemerkenswert, welche schauspielerischen Leistungen auf dieser Grundlage dennoch erzielt werden. Herauszuheben sind der Mephisto von Jona Mues und der Kaiser von Marcel Hoffmann. Ersterer stark im Jonglieren mit Zynismus, Keckheit, Entnervung, Zorn, schließlich Verzweiflung. Letzterer umwerfend bei seinem großen Schuld-Monolog am Ende des Krieges. Hervorzuheben sind auch die beiden Fäuste: David Prosenc als junger zwischen explosiver Nervosität und Aufsässigkeit gegen den Teufel; Georg Marin als alter, von wissender Blindheit gegenüber dem Leid, das er mit seinem technischen Modernisierungwahn über die Menschen bringt.
Mephisto wird am Ende trotz Teufelspakt um seinen Lohn betrogen. Die Seele des Faust kriegt er nicht. Da sind eine Schar weißer Engel (Statisterie) im Spiel und riesige betende Hände, die von der Decke hängen. Was da genau vor sich geht, bleibt unklar – wie so manches bei dieser dennoch kräftig beklatschten, aber mäßig besuchten Premiere.
               
Andreas Pecht

 

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