Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Wir brauchen keine Millionen

ape. Nach dem bayerischen Fußballkrösus müssen auch wir gestehen: Walter und ich sind Glücksspieler, Zocker. Immerhin keine Abzocker. Wir haben niemanden geschädigt, erst recht den Staat nicht, sondern nur uns selbst. Drei Euro für jeden jede Woche, gesetzt in einer aussichtslosen Wette, aus 49 Zahlen 6 richtige zu erraten. Abzüglich einiger Kleingewinne hat uns das in 20 Jahren zusammen 5000 Euro gekostet – gezahlt an die staatliche Lottogesellschaft und damit wenigstens keinem Spekulanten in den Gierhals gestopft. Zum Trost verbuchen wir die verlorenen Einsätze als freiwilligen Steuerzuschlag zwecks Förderung des Allgemeinwohls.

Es sind nicht ganz 5000. Denn wir lassen stets die Finger vom Spiel, wenn der Jackpot über drei Millionen klettert. Das mag jeder Reiz-Reaktions-Logik widersprechen, war aber zwischen uns vom ersten Tippschein an vereinbart. Und zwar aus folgendem, zugegeben von purem Aberglauben herrührendem Grund: Es möchte sein, dass der Teufel uns gemäß der Wahrscheinlichkeitsrechnung jeden durchschnittlichen Gewinn verwehrt – um dann überraschend mit einem prallen Jackpot nach unseren Seelen zu greifen.

„Niemand, der auf Millionengewinn hofft, wird verstehen, was du meinst”, brummt Walter. Kreuzgewitter, was ist denn daran so schwer zu begreifen? Also anders formuliert: Was sollte unsereins mit 8, 10 oder 20 Millionen anfangen? Champus (mag ich nicht) gluckern und von güldenen Tellern Kaviar (mag ich nicht) futtern. Das kleine Westerwaldhäuschen (liebe ich) gegen eine Prachtvilla (mag ich nicht) in bester Rheinlage tauschen. Eine Nobeldatsche auf den Kanaren erwerben (ist mir zu umständlich). Ins regionale Establishment (langweilig) aufsteigen und den Großbürger im feinen Zwirn geben (ach Gottchen). Die Puppen tanzen lassen (zu herzlos). Durch Investieren aus dem Geld mehr Geld machen (völlig sinnlos)……

Mein alter Lektor pflegte einst irgendeinen noch älteren Gelehrten mit dem Satz zu zitieren: „Macht macht böse.” Und meine Oma selig hatte stets den Spruch zur Hand: „Reichtum verdirbt den Charakter.” Bei Marxens ihr’m Karl hieß es: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.” Da wird nun mancher der ein bisschen Reichen und Mächtigen am Mittelrhein entschieden widersprechen. Ach, Kinners: Ich bin über die Jahre etlichen von euch immer wieder begegnet, traf dabei nicht selten auf fleißige, kluge, umgängliche Unternehmer und Apparatschiks.

Ich habe manchen aufsteigen sehen – und mehrfach erlebt, dass sich dabei peu a peu Habitus, Denken, Empfinden, Handeln verändern. Mit einigen plaudere und trinke ich bis heute gerne, aber untergebener Angestellter wollte ich bei keinem sein. Walter hebt mahnend den Zeigefinger: „Davor, Mister Querdenker, sind auch wir nicht gefeit. Mit ein paar Milliönchen im Kreuz oder auf erhöhter Machtposition schmeckt die Welt halt anders als in den Niederungen. Wärest du Millionär würden deine Kommentare womöglich die Lage der Nation nicht mehr nach dem Stand der sozialen Gerechtigkeit bemessen, sondern die Kapitalmärkte zum Maß aller Dinge machen.”

Herr, bewahre mich vor dem Pferdefüßigen! Weshalb wir Lotto spielen nicht um reich zu werden. Wir tippen bloß fürs Träumen vom kleinen Glück: mit ein paar zehntausend Euro Gewinn bei etwas weniger Arbeitsstress und etwas mehr Unabhängigkeit uns möglichst treu zu bleiben. Dummes Spiel, blödes Laster? Ja natürlich.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 13. Woche im März 2014)

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

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