Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Mal was schönes, bittesehr

Gelegentlich wünschen Leser, der Herr Querdenker möge sich mal mit diesem oder jenem speziellen Thema befassen. Jenseits des oft parteilichen Begehrs, er solle diversen Politikern, Mächtigen, Reichen wortgewaltig vors Schienbein treten, geht wiederholt der Wunsch ein: „Sei nicht immer so miesepetrig, die Welt hat unendlich viele schöne Seiten, schreib doch mal darüber!“ Dann fühle ich mich missverstanden. Denn die Welt war nie mein Problem, allenfalls die sie gedankenlos oder geldgeil verunstaltende Oberschlaumeier-Spezies.

Ich bin stets für das Schöne. Deshalb macht es keine Schwierigkeit, für die Weihnachtsausgabe den Blick mal darauf zu konzentrieren. Was ist das Schönste überhaupt? „Achtung“, quakt Freund Walter aus seiner November-Leseecke, „jetzt schleimt er sich wieder bei den Frauen ein.“ Knapp vorbei, mein Lieber. Das Schönste ist – neben dem Naturerleben – die Unterschiedlichkeit der Menschen. Denn wie trist wäre das Dasein, sähen wir alle gleich aus, redeten in einer Sprache, kochten und äßen alle bloß Schnitzel, trügen die gleichen Klamotten, beteten denselben Gott an, verträten reihum dieselben Meinungen.

Ich finde prima, dass es noch Leute gibt, die deutschen Schlager, Angela Merkel oder Peer Steinbrück mögen, selbst wenn mir das völlig unbegreiflich bleibt. Ich bin begeistert, dass sich Cliquen, Clubs, Belegschaften zum Glühweinabsacker auf Weihnachtsmärkten treffen, obwohl es mir schon beim Hingucken Schleimhäute und Hirnwindungen verklebt. Zugleich bin ich irritiert über den Versuch, auf dem Koblenzer Zentralplatz heuer einen „modernen Weihnachtsmarkt“ zu etablieren. Ist nicht das Wesen solcher Märkte gerade die Nostalgie, so wie das Wesen des regionalen Vorabendfernsehens pittoreske Heimattümelei zu sein scheint? Aber solange jemand Spaß an der einen oder anderen Art von Kitsch hat: nur zu. Bloß kommt mir nicht damit, das sei  deutsche Leitkultur und allgemeiner Maßstab des Glücks.  

Die Geschmäcker sind verschieden, Schönheit ist relativ. Gut so, selbst wenn es einen bisweilen graust. Walter etwa graust es vor der Winterfrauenmode aus kurzem Rock, bein-engen Strumpfhosen und dicken Stiefeln. Ich hingegen bin entzückt davon, weil m.E. solche Manier eine schöne frauliche Linie macht, sogar bei Mädchen und Damen, die vom (hässlichen) Magerideal der Laufstege ziemlich weit entfernt sind. Walter lässt eben noch als „vorteilhaft“ durchgehen, wenn die Stiefel leidlich hohe Absätze haben. Mir indes kommt es so vor, als nehme mit jedem Zentimeter mehr an Absatz der amazonenhafte Reiz der Trägerinnen ab.

Pardon, verehrte Leserinnen, dass Sie hier mit Männergesprächen behelligt werden. Doch, Hand aufs Herz: Wir wissen alle um die beiderseitigen Anziehungskräfte, die aus der wunderbaren Verschiedenartigkeit der Geschlechter erwachsen. Dagegen kommt nichtmal ein US-General an. Dennoch muss der Mann seinen Job an den Nagel hängen. Nicht etwa wegen Geheimnisverrats, sondern wegen außerehelichen Techtelmechtels nebst 30000 „unangemessenen e-Mails“. Was, bitteschön, könnte an den Aaaahs und Oooohs brieflicher Lustbarkeit zwischen zwei sich privat aus freien Stücken begehrenden Erwachsenen so unangemessen sein, dass es die Staatsräson betrifft? Die ham sie nicht mehr alle, die amerikanischen Scheinmoralisten! Über diesen Unterschied zum aufgeklärten Europa dürfen wir uns köstlich aufregen. Auch ein schönes Gefühl, gelle?                                       

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 48 im November 2012)

 

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