Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Stroh dreschen beim Freibier

Freund Walter schimpft wie ein Rohrspatz. Über Mitmenschen, die statt Verstand Stroh oder schlimmeres im Kopf hätten. Man muss der Schärfe seiner Anwürfe mit Nachsicht begegnen, denn er kam beim Karneval weder zum Zug noch auf seine Kosten. Der gut geplante Enthemmungsritt durchs Pappnasen-Land war schon an Weiberfastnacht vorfristig zuende. Das kam so: Der Freund geriet, nicht ungewollt, zwischen losgelassene Möhnen mittleren Alters. Im Eifer von Butzererei und Herzerei auf schwankender Sohle verlor der Schwarm den Halt, ging mit Mann und Mäusjes zu Boden. Walter ward begraben unter prächtiger Weiblichkeit zuhauf. Nachher zwangen ihn gedunsene Blessuren im Gesicht nebst Quetschungen des Leibes für den Rest der tollen Tage aufs Kanapee. Dort las er bald stöhnend, bald knurrend Zeitung. Was lernt uns das? Zu viel des Guten auf einen Rutsch bekömmet nicht.

Seither ist er unleidlich und schimpft. Etwa über Journalisten, die nach dem Hartz-IV-Urteil des Verfassungsgerichts interessiert  auf Leute zeigten, denen der Staat 2500 Euro netto Hartz-IV inklusive Mietzuschuss überweise. Als Walter diese Zahl sah, schnappte er nach Luft, denn er selbst schafft als Single mit Vollarbeit nur knapp 1500 Euro netto. Nun ist der Freund kein Blöder, sondern Skeptiker. Er rechnete nach. Und siehe: Um auf 2500 Euro Hartz-IV inklusive Miete zu kommen, muss eine Arbeitslosenfamilie aus zwei erwachsenen Bedürftigen und vier oder fünf Kindern bestehen. Diesen Umstand haben die Herrschaften von der Presse „vergessen“ zu erwähnen. Weshalb jetzt leichtgläubige Niedriglöhner und Kleinrentner stinkig sind auf den angeblichen Schlaraffen-Verdienst nach Hartz-IV.

So bekommt das Wort „Neiddebatte“ mal echten Sinn. Ach, die Methode ist uralt, aber sie funktioniert noch: Man lasse arme Leute armen Leuten zürnen, um beide von weiterführenden Gedanken abzuhalten. Etwa diesem: Wenn das Hartz-IV-Geld und die unteren Lohnniveaus zu nahe beeinander liegen, dann ist nicht die Stütze zu hoch, sondern sind besagte Löhne zu erbärmlich. Ergo müssen sie rauf. Denn wie heißt es zurecht: Arbeit muss sich lohnen (so man denn welche kriegt).

Worüber Walter noch schimpft: Über einen PKW-Fahrer, der seinen Autohersteller verklagen will, weil er trotz ABS, Antischlupf und anderen Verhütungs-Raffinessen bei „nur 140“ von der schneeglatten Autobahn flog. Über einen in der Mosel gelandeten LKW-Fahrer, der dem Girl in seinem Navi blind gehorchte und auf eine Brücke abbog, die nie existierte. Herzallerliebst findet der Freund jene Mitmenschen, die im diesmal etwas kräftiger ausgefallenen Winter den Beweis sehen, dass Klimaerwärmung ein Hirngespinst sei.

Man übersieht, vergisst, verdrängt halt gern manches, das einem nicht in den Kram passt. So derzeit in Koblenz einige Leute das alte Wissen, wonach die Kunst neuer Theaterintendanten fürs ortsansässige Publikum immer und überall gewöhnungsbedürftig ist. Was wurde Georges Delnon  1996/97 angefeindet! Elitär sei er, publikumsfeindlich. Doch 1999 knirschte ganz Koblenz mit den Zähnen, weil Mainz den Mann abwarb, der heute als erfolgreichster Theaterleiter gilt, den es in Rheinland-Pfalz je gab. Also lasst den neuen Dietze am Stadttheater erstmal machen! Kritik ist erlaubt, aber bitteschön nur denen, die auch ins Theater gehen. Mir jedenfalls ist ein lebendiges Theater lieber, das gelegentlich unrund läuft, als eines, das sich ewig im Kreis musealer Wiederholung dreht. Und den Quoten-Fetischisten im Stadtrat lässt Walter ausrichten: „Nichts leichter als das Theater voll zu kriegen: Macht  ’ne Freibierhalle mit Ringelpietz draus.“

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