Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Ein Prosit auf den Pragmatismus

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Altkanzler Helmut Schmidt mal gesagt. Das Spiel mit der Doppelbedeutung des Wortes „Visionen“ ist indes kein kluges. Da werden ernsthafte Zukunftsentwürfe in Verruf gebracht, indem man sie mit pathologischer Fantasterei in einen Topf schmeißt. Das klassische Politik-Verständnis wird so seiner wichtigsten Aufgaben beraubt: Frühzeitig eine Vorstellung von den Potenzialen der Zukunft gewinnen; dann Weichen stellen, damit nicht Schicksal, sondern Vernunft den Gang der Dinge lenke. Was bleibt der Politik, nachdem Visionen zur Geisteskrankheit erklärt sind?  Pragmatismus. Das Wort bezeichnet eine „philosophische Richtung, die alles Denken und Handeln vom Standpunkt des praktischen Nutzens aus beurteilt“. Ein Urvater dieser Philosophie, William James, hatte 1898 auch Wahrnehmung und Wahrheitsempfinden der Nützlichkeit unterworfen: „Eine Vorstellung ist wahr, solange es für unser Leben nützlich ist, sie zu glauben!“

Womit wir bei der Gegenwart wären, also beim Klimawandel und beim Koblenzer Zentralplatz. Is ja gut, Walter, ich weiß: Mit Klimawandel wollte ich mich nie mehr befassen, seit der Chefredakteur von „Cicero“ ihn ins Reich der Hirngespinnste verwiesen hatte. Ich erkannte den Irrtum, als neulich bei der Schlusskonferenz für den zweiten Teil des UN-Klimaberichtes die Regierungen der USA, Chinas, Russlands sich geifrig mühten, ihren Wissenschaftlichern auf offener Bühne das Wort im Munde zu verdrehen respektive ihnen hinter den Kulissen das Maul zu stopfen. Hätte man vor 20 Jahren auf die Weitsichtigen unter den Weißkitteln gehört, die Sache stünde heute besser an der Klimafront. Warum hörte damals keiner, warum sind heute noch so viele taub? Wegen des Pragmatismus’ – beispielweise beim Verkauf von Innenstadt-Geländewagen.

Das Problem mit dem Pragmatismus ist, dass er Nützlichkeit bloß fürs Jetzt denkt. Ein Geländer um den Brunnen kann erst als nützlich anerkannt werden, wenn ein Kind hineingefallen ist. Bis dahin wäre die Angst vor dem Unfall bloß eine Vision. Man stelle sich vor, die Welt würde Abermilliarden in den umweltverträglichen Umbau der Wirtschaft stecken. Bliebe der große Klimawandel nachher aus, die Pragmatiker wüssten nie, ob´s nützlich war oder nicht. So ähnlich verhält es sich auch mit der Bebauung des Koblenzer Zentralplatzes. Gebaut muss werden und zwar rasch, sonst hat die Stadt zur Bundesgartenschau in ihrem Herzen ein hässliches Loch. Was, wie jetzt jedermann erkennt, wenig nützlich wäre.

Weil in der Kasse Ebbe herrscht, ist die Stadt froh um einen privaten Investor. Der muss Gewinn machen, weshalb er ein Geschäftshaus auf den Zentralplatz bauen will und dessen bodennahe Geschosse mit Läden bestücken. In den Oberetagen soll die Stadt Kulturräume anmieten. Auch wenn dieser Notplan sämtlichen bisherigen Vorstellungen von einem so oder so gearteten Kulturhaus zuwiderläuft, ist er doch pragmatisch: Zur Buga kein Loch; irgendwo über dem Platz wird es auch Kultur-Kemenaten geben. Weiß jemand unter den aktuell  gegebenen Bedingungen eine bessere Lösung? Mit dieser klassischen Kernfrage des realpolitischen Pragmatismus haben sich nun alle Kritiker des Geschäftshausplanes herumzuschlagen.

Selbstredend schließt diese Frage die rückblickende Gegenfrage aus: Seit wann wissen wir, dass der Zentralplatz einer Neubebauung bedarf? Seit 10 Jahren weiß es jeder, der hinguckt. Kenner der Verhältnisse wissen es schon viel länger. Weil nichts geschehen ist über all die Jahre, liegt das Kind nun im Brunnen. Aber das ist – Pragmatismus! – jetzt alles Schnee von gestern. Gestern freilich hätte man die Weichen für die Zukunft ganz anders stellen können. „Wofür damals allerdings eine Sache nötig gewesen wäre: Visionen“, brummt Freund Walter ein Schlusswort, zieht mich dann Richtung Koblenzer Altstadt. Auf dass pragmatisch erst die Kehlen befeuchtet werden und hernach neue Visionen entwickelt. Bis dahin sehen wir auf dem Zentralplatz ein Symbol unserer Zeit entstehen, das gewiss einmal Aufsehen erregt:  „Zum Mittelrhein-Museum im vierten Stock Treppe links hinter dem Mittelrhein-Einkaufsparadies benutzen.“

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