Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Herr Stoiber und der Sex am Tipping Point

Eine der leichtesten Übungen dieser Tage ist das Auflisten klimatischer Abnormitäten; es gibt davon reichlich. Wir belassen es für diesmal bei „Neujahrsfrühling“, „Januarstürmen“ und „Schwarzenegger-Frost“ – darauf vertrauend, dass die Leser dieser Zeitschrift sich  kein X für ein U vormachen lassen. Dass im Januar Frühling ausbreche, komme von der „eingedrehten Westdrift“. Das sei eine zwar nicht alltägliche, aber normale Erscheinung und habe mit Klimawandel nichts zu tun. So sprachen eben die letzten  Aufrechten aus der Fakultät „Abwarten, Teetrinken, Weitermachen“. Viele sind das nicht mehr: Ein Teil ist gescheit geworden, macht nun auf Wind- und Solargedönse;  andere haben sich ins irrtümlich untergegangen geglaubte Heer der Streiter für „Glück, Wachstum und Umweltschutz durch Kernkraft“ eingereiht.

Jedes Wetterextrem ist für sich auch ohne Klimawandel erklärbar. Ob der Rhein Hoch- oder Niedrigwasser hat, dafür gibt es jeweils gute Gründe. Allerdings schwant den Zeitgenossen, dass erst in der Summe der Dinge die Wahrheit erkennbar wird. Weshalb zum hiesigen Frühfrühling diverse Kehrseiten gehören, beispielsweise Extremkälte in Arnolds Sonnen-Kalifornien. Und hinsichtlich der Wasserstände mittelrheinischer Flüsse lautet die eigentliche  Frag: Wann gibt´s mal wieder über längere Zeit einen richtig soliden Normalpegel? Für die Beantwortung wäre wichtig zu wissen, was es mit diversen „Tipping Points“ auf sich hat. Den Begriff missgedeutet, befindet sich einer dieser Punkte auf der Stirne meines Freundes Walter. Es ist jene Stelle, an die er mit der Spitze des Zeigefingers „tippt“, wenn ihm etwas wider die Vernunft zu gehen scheint.

Und er tippt viel in letzter Zeit. Etwa als er las, dass eine wachsende Zahl Jugendlicher hierzulande möglichst lange nicht oder überhaupt nie mit Sex zu tun haben wolle. „Das wird  ausgehen wie in Amerika“, prognostiziert er.  „Die Puristen säen die Pflicht zur vorehelichen Keuschheit und was wächst dann? Freaking!“ Gemeint ist ein neuer Modetanz auf US-Schülerpartys, bei dem zum HipHop ein heißes Bewegungsgebalze zwischen Po und Becken zweier, mehrerer, vieler Tanzpartner abgeht. „Natur bricht sich  Bahn – und Hüftschlingen im Rock´n´Roll, Schmuseblues, Lambada oder jetzt Freaking sind ja wirklich angenehmere Formen der Triebabfuhr als Amoklaufen, heilige Kriege führen oder Familie und Nachbarn tyrannisieren.“

Allerdings kann Walter sich durchaus vorstellen, dass so manche/r Entjungferungs-Anwärter/in von Muffensaußen geplagt wird, „weil auch die schönste Sache der Welt dem  Hochleistungs-Diktat unterworfen wurde“. Muss statt Muße – Durchschnittsleistung 100 Stöße pro Minute, ausgeführt im einarmigen Kopfstand von seitlich hinten obenrum bei  mehrfachem Stellungswechsel zwischen jedem multiplen Orgasmuspaket während der mindestens dreistündigen Erstrammelei. Die Ansprüche sind so arg geworden, dass bisweilen selbst alte Hasen und Häsinnen sich getrennt von der Wildbahn machen, wenn das Süßholz beim Raspeln Feuer zu fangen droht. Die Liebeslust hat ihren Tipping Point erreicht, seit Leidenschaft nach brachialkapitalistischen Leistungsnormen definiert wird. Was aber ist das Schönste am Sex? Schwach werden dürfen.

Von Walters Stirne mal abgesehen, meinen die „Punkte des Umkippens“ jene Momente, in denen Prozesse drastische Veränderungen erfahren. Wenn z.B. durch die Erderwärmung die Permafrostböden auftauen und das darin gespeicherte Methan freigesetzt wird, das nun seinerseits die Erderwärmung drastisch beschleunigt. Die Klimaforschung sorgt sich um eine ganze Menge Tipping Points. Der Umgang damit verlangt eine gewisse Sensibilität für das, was vor sich geht und ein bisschen von der Fähigkeit, über den Tellerrand der aktuellen  Mittagssuppe zu schauen. Mag sein, es lag an der Suppe, dass Herr Stoiber neulich in Kreuth seinen persönlichen Tipping Point noch für 2013 hat kommen sehen, obwohl er Mitte Januar 2007 schon hinter ihm lag. Macht macht böse, sagt der Volksmund. Vielleicht nicht immer böse, aber womöglich immer öfter blind: für die Tipping Points in den globalen Höhen, in den Niederungen des gewöhnlichen Lebens und – auf der politischen Rutschbahnleiter.

 

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