Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Die Fähnchen flattern um uns rum

Haben Sie´s gesehen? Sogar die Bundeskanzlerin außer Rand und Band: den Oberkörper weit nach vorne geworfen; den rechten Arm nach seitlich-hinten verdreht, dabei dem polnischen Premier mit der reflexartig grapschenden Hand beinahe ins Gesicht patschend; ihre Augen quellen schier aus Höhlen; dem zuckend aufgerissenen Mund entringen sich erkennbar Schreie, Quiecker, Stöhner. So ward es vom Fernsehen am 14. Juni dokumentiert – Frau Merkel bereitete derart das 1 : 0 der deutschen Mannschaft gegen die polnische in Dortmund vor. Wir sahen das erstaunliche Bild, hörten dazu leider nur allgemeine Stadionwallung, denn Pressemikrofone sind auf den Ehrentribünen nicht zugelassen (und die Tonaufnahmen der Geheimdienste nicht zu haben).  Was wohl hat Angie geschrieen, gequietscht, gestöhnt? „Mach ihn rein, mach ihn doch rein!“, „komm schon, komm, komm, komm!“, „schieß endlich, schieß jeeetzt!“. Etwas in der Art wird es gewesen sein. Fußball ist halt doch ein sehr  körperbetontes Spiel. Auch für zusehende Pastorentöchter, selbst wenn sie Kanzlerin sind.

Wo schon die sonst so zurückhaltende Regierungschefin sich von König Fußball ganz ungeniert zu öffentlichen Ekstasen mitsamt Lustgeschrei reizen lässt, muss man sich auch über sonstige Erscheinungen der Massenorgie namens WM nicht wundern. Die auffälligste davon ist, dass mit fortschreitender Weltmeisterschaft sich immer mehr gewöhnliche Kraftfahrzeuge in Dienstfahrzeuge verwandeln. Sie zählen mittlerweile nach Hunderttausenden, die mit Stander durch Deutschland kutschierenden Automobile. Stander heißt das Wort, nicht Ständer – wobei das im vorliegenden Fall beim einen oder anderen Zeitgenossen allerdings kaum einen Unterschied machen dürfte. Stander also. Das meint beim Militär und in der hohen Politik kleine Flaggen an offiziellen Autos, Schiffen, manchmal auch gelandeten Flugzeugen oder startenden Zweirädern. Diese Flaggen zeigen dem gemeinen Fußvolk sowie  Protokollbeamten, Wach- und Bedienungspersonal an, dass da eine  Persönlichkeit von Rang mitfährt.

So gesehen erweist sich die Fußball-WM als großer Gleichmacher: Auch Hinz und Kunz fahren jetzt mit Stander. Schwarz-rot-gülden knattert die Fahne im Fahrtwind. Mit Freund Walter würde ich jetzt gerne diskutieren, ob die dieser Tage epidemische Ausbreitung schwarz-rot-goldener Staffagen ein Zeichen für neuen Patriotismus ist oder doch eher modischer Hype eines neuen Party-Accessoires. Aber Walter hat die Mitwirkung an einer weiteren Fußball-Kolumne kategorisch abgelehnt. Begründung: „Über Fußball schwätze ist Blech, gucke ist Gold.“ Also sitzt er Tag um Tag vor der Glotze – und ärgert sich allweil über ufer- und hemmungsloses Vor-, Zwischen- und Nachgesimpel.

Wie ist das nun mit dem neuen Patriotismus? Ich sag mal so: Nationalfarben als Haarschmuck, Gesichtsbemalung und Bodypainting, die Flagge in T-Shirt-Form drüber oder als reizende Wäsche drunter, Narrenkappen, Pappbecher und Kondome in Landesfarben … Heinrich Heines Begriff „teutomanisch“ will dazu nicht recht passen, zumal die Gäste aus aller Welt mit ihren jeweiligen Farben genau den gleichen unpathetisch-verspielten Zinnober veranstalten. So war die WM, zumindest bis zum Achtelfinale, ein im Wortsinne kunterbuntes Völkerfest;  ´ne Party halt. Ob meine Landsleute es auch so meinten, wird sich erweisen: Die Nagelprobe käme mit dem Aussteigen der deutschen Mannschaft aus dem Wettbewerb. Feiern wir als gute Verlierer dann weiter ein Völkerfest, oder wenden wir uns schmollend von der WM ab? Diese Frage die letzten Tage in einige Runden geworfen, ergibt eine verwirrende Stimmungslage. „Wir feiern auf jeden Fall bis zum Abpfiff am 9. Juli durch“, antworten die Einen.  Andere erklären schon die bloße Frage zu grobem Unfug – denn „Deutschland kann nicht ausscheiden, Deutschland wird Weltmeister“. Hhmm, da beschleicht einen dann doch wieder eine gewisse Unruhe: Denn, hallo!, die Rede ist von einem Sportwettbewerb, an dem 32 Teams teilnehmen und 31 NICHT Weltmeister werden.

Wie auch immer: Am 9. Juli ist alles vorbei. Dann kann sich der Deutsche Fußballbund seinem nächsten Etappenziel zuwenden: der Umwandlung der Bundesliga zur T-Com-Liga. Erst gingen die Spielfeldränder an den Markt, dann die Stadionnamen auf den Strich, jetzt folgen die Ligen – und dabei wird´s nicht bleiben. Eines baldigen Tages könnte das Koblenzer Theater nach einer Sektmarke benannt sein, Kölns Wahrzeichen Ford-Dom heißen, das mittelrheinische Weltkulturerbe – wie schon der Nürburgring – abschnittsweise die Namen multinationaler Industriesponsoren annehmen. Dann hieße ein Görres-Gymnasium vielleicht Microsoft-Schule, diese Burg Milka-Ressort und jenes Museum Sony-Center. Schwarz-rot-goldener Putz mag auch dazu hübsch aussehen, für den Gang der wirklichen Geschäfte ist das bunte Volksvergnügen freilich völlig belanglos.  

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