Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Ob´s nun so oder so oder anders …

Guten Morgen, Tag, Abend „meine Damen und Herrn, unsere Themen heute: Weltmeisterschaft, Weltspitze, Welterbe und – das Wetter“, würde Ulrich Wickert beginnen.  Der Mann hat es einfach. Nicht bloß, weil er bald in Rente gehen darf. Mit seinem Wunsch für „eine geruhsame Nacht“ hat er bis dahin auch stets das letzte Wort, denn der Tag ist dann gelaufen. Wie viel schlechter steht sich da der Kolumnist dieser Monatszeitschrift. Wenn er an seinen Sprüchen herumwürgt, sind es noch Tage hin bis zum Erscheinen des Blattes. Zwischenzeitlich könnte manches passieren; beispielsweise die Welt sich vom Kopf auf die Füße stellen. Nehmen wir die aktuelle Lage: Für den Schreiber wählt Rheinland-Pfalz am 26. März, für Sie, liebe/r Leser/in, hat Rheinland-Pfalz am 26. März gewählt.
 
„Na und“, beschmunzelt Freund Walter mein Dilemma – ignorierend, dass es publizistisch schon einen gehörigen Unterschied macht, ob etwa Michael Hörter (CDU) in Mainz Minister wird oder nicht. Ob Joachim Hofmann-Göttig (SPD) seinen Job als Staatssekretär behält, oder daheim in Koblenz Anspruch auf Beerbung von OB Schulte-Wissermann erhebt. Wird er kaum wollen. Aber Gedanken muss man sich doch machen für den Fall, dass der Wähler wieder Kraut und Rüben, respektive in Rheinland-Pfalz: Reben und Rüben mitsamt diversen Lebensplanungen in den vorderen Parteireihen durcheinander schmeißt. Walter drückt ungerührt die Füße gegen den Heizkörper und summt einen ollen Schlager: „Ob´s nun so oder so oder anders kommt …“

Weil wir gerade von  Hofmann-Göttig sprachen. Der war es ja damals, der die Sache mit dem Weltkulturerbe Mittelrhein ins Rollen brachte. Die entwickelt sich nun etwas ungleichgewichtig, wie sich an Straßenschildern ablesen lässt. Während die linksrheinische A 61 reichlich mit braunen Hinweistafeln auf das Welterbegebiet ausgestattet ist, habe ich an der rechtsrheinischen A 3 noch nie ein solches Schild gesehen. Wie kommt´s? Der Amtsschimmel steckt, ohne zu wiehern, das Maul in den Hafersack – weshalb wir auf freies Philosophieren angewiesen sind.

Amtspersonen sollen, so ist´s Vorschrift, für Dienstfahrten die kürzeste/schnellste inländische Wegstrecke benutzen. Beim Verkehr zwischen Amstpersonen aus Mainz und Koblenz trifft das (von regelmäßigen Ausnahmen abgesehen) auf den linksrheinischen Highway über den Hunsebuckel zu. Wohingegen der rechtsrheinische länger ist, indes nicht immer langsamer,  aber meistenteils über von Wiesbaden regiertes Hochland führt. Das betrachten Mainzer Amtspersonen  fastnachtsnotorisch als (feindliches) Ausland. Folglich geht der Amtsverkehr Mainz-Koblenz über die durchweg inländische A 61, die deshalb volkstümlich auch „Ministrale“ genannt wird. Unser Schluss in der Schilderfrage: Besagte Welterbetafeln gibt es nur dort, wo rheinland-pfälzische Offizielle hin- und herfahren. Endlich wiehert der Amtsschimmel: „Das ist ungerecht und boshaft!“ Natürlich ist das boshaft und ungerecht. Kolumnisten sind so – oder sie sind langweilig.            

Zurück zu Herrn Wickert, der gut reden hat mit seiner „geruhsamen Nacht“. Soll unsereins vielleicht „einen geruhsamen Monat“ wünschen? Das gäbe ein arges Gezeter – jetzt, mitten im Start zum Anfang des Aufschwungs; jetzt, da Deutschland sich auf den Weg gemacht hat, seinen genetisch angestammten Platz an der geistigen, wirtschaftlichen und, selbstredend, sportlichen Spitze der Völkerpyramide wieder einzunehmen. Heiße ich Klinsmann? Lasse sich, wer mag, vom Kaiser abwatschen, von „Bild“ vor den Bundestag zitieren, auf dem Boulevard als Aufschwung-Defätist, Nationalkraft-Zersetzer und Weltmeisterschafts-Saboteur zeihen.

Geruhsamer Monat? Das ging in vorreformatorischen Jahrhunderten noch an, denn damals galt, zumal in langen Wintern, Müßiggang als aller Ehren werte Lebensqualität. Egal, ob der   2006er Winter jemals ein Ende findet: Ich werde mir doch im neuen Tüchtigkeits-Zeitalter  nicht die Finger mit einem Lob des Müßiggangs verbrennen. Jetzt heißt es, Ärmel hochkrempeln, auf dass wir genesen. Man baut hier auf uns, auf Dich – denn Du bist das Weltmeister-Waschmittel, die Weltmeister-Bausparkasse, das Weltmeister-Cola, das Weltmeister-Bier (welches denn nun: Budweiser oder Bitburger?). Du bist Weltmeister-Deutschland! Vergiss das nicht, wenn demnächst die Welt zu Gast bei Freunden ist. Gastfreundschaft meint schließlich: Die, die uns besuchen, haben die Schuhe auszuziehen, die Finger von der Hausfrau zu lassen und sich auch sonst respektvoll gegen die hiesigen Gebräuche zu benehmen. Brauch ist´s: Der Gast mag König sein, aber gewinnen tun wir. Freundschaft!!

Und wie verabschiede ich jetzt die verehrten LeserInnen? Walter beugt sich über den Bildschirm und diktiert mit Samtstimme: „Ihnen einen geruhsamen Monat.“

 

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