Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Verzählche über „seniorengerechte Nutzerfreundlichkeit“

Ein Verzählche aus der realen Welt moderner Kommunikationstechnik und der „zielgruppenspezifischen Nutzerfreundlichkeit“ von Herstellern, Anbietern, Netzbetreibern:

Vor der Tür steht die 87-jährige Nachbarin mit einem Päckchen in der Hand. Das hat ihr die Telekom geschickt. Es enthält ein von der Telekom so genanntes „Seniorernhandy“. Es wurde ihr angeboten als vorübergehender (kostenflichtiger) Ersatz für ihren Festnetzanschluss, der wegen externer Erdarbeiten für mehrere Wochen ausfällt. „Ich bräuchte mal eure Hilfe“, sagt die alte Dame, denn sie weiß nicht, wie sie das Gerät in Gang setzen soll. Ich weiß es auch nicht, setze aber auf Erhellung durch reichlich beiligendes Druckwerk.

SENIORENhandy!!! Nach zehn Minuten bin ich stimmungsmäßig auf 180. Weil: Handy, Akku und SIM-Karte stecken getrennt im Päckchen; man muss das Ding erst mal selbst zusammenbauen. „Legen Sie die SIM-Karte in das Gerät ein. Beachten Sie zum Einlegen die Gebrauchsanleitung des Geräts.“ So steht es im Begleitschreiben zur SIM-Karte. Vom Akku ist hier keine Rede, der hat auch kein eigenes Begleitschreiben. Also ran an die Handy-Gebrauchsanleitung.

Erste Frage die Gebrauchsanleitung des SENIORENhandys (!!) betreffend: Wo ist die Lupe? Denn die deutsche Anleitung steckt zwischen zweieinhalb Dutzend fremdsprachiger Anleitungen in einem winzigen Heftchen, knapp so groß wie ein Zigarettenschachtel – gedruckt in schier mikroskopisch kleiner Schrift, die selbst ein Jungspund mit Adlerblick ohne Hilfsmittel kaum lesen kann. Immerhin sind da auch fünf Miniskizzen, denen zu entnehmen ist, wie man den Akku richtig einlegt. Allerdings gibt es weder in der Bilderfolge noch im mühsam entzifferten Text den geringsten HInweis darauf, wie wo die SIM-Karte einzulegen ist. Das Wort SIM kommt dort gar nicht vor. Dafür steht auf dem Versandträger der SIM-Karte (ebenfalls in Microschrift): „Achtung! Wählen sie das richtige Format aus: Micro-SIM, Macro-SIM, Standard-SIM gemäß Angaben in der Gebrauchsanleitung Ihres Gerätetyps.“ Welches Format, wo wie auswählen? Kein Wort davon in der Geräteanleitung. Nochmal: SENIORENhandy!!

Anruf beim technischen Kundensupport der Telekom („Wir helfen Ihnen gerne“). 10 Minuten Warteschleife, dann 30 Minuten Rumgemache am Gerät mit telefonischer Unterstützung einer tatsächlich sehr freundlichen und hilfswilligen Mitarbeiterin. „Machen sie dies so, dann machen sie das so, dann müsste jenes passieren.“ Passierte aber nicht. Gar nichts passiert, es funktioniert einfach nicht. Bald stellt sich Verzweiflung an beiden Enden der Telefonverbindung ein, zumal die Telekom-Mitarbeiterin einräumen muss, dass ihr der von der Telekom zugeschickte Typus SENIORENhandy!! unbekannt sei.

Wat nu? Man kann die alte Dame ja nicht tage- oder wochenlang ohne telefonische Ausverbindung lassen. Wie der Zufall spielt, kommt gerade ein Nachbar von der Arbeit nach Hause. Er ist jung genug um bereits ein Digital Native zu sein. Wir rufen ihn dazu – und ohne auch nur einen Blick in die Gebrauchsanleitung zu werfen, kriegt er das (Sche…)Ding zusammengebaut. Und funktioniert’s jetzt? „Im Prinzip ja“, meint er, „aber telefonieren geht noch nicht, muss erst freigeschaltet werden. Das kann ein paar Stunden dauern. Bis dahin kann schonmal der Akku laden.“ Nun denn: Hoffen und beten.

Frage: Was ist am SENIORENhandy!! eigentlich seniorisch? Das Verfahren zur Inbetriebnahme ist es jedenfalls nicht, das ist einfach nur eine seniorenfeindliche Sauerei. Ansonsten: Das Gerät ist kein Wischwasch-Smartphone, sondern hat richtige Wähltasten wie ein altes Nokia-Handy. Allerdings sind die Tasten auch genauso klein, und ich bin skeptisch, ob die alte Dame mit ihren zittrigen Fingern darauf je die gewünschte Nummer wählen kann – sollte ihr SENIORENhandy!! denn tatsächlich demnächst in Betrieb gehen. Andreas Pecht

Andreas Pecht

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