Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Der neue Volkssport: Energiesparen („Quergedanken“)

Monatskolumne Nr. 205 August 2022

   ape. Freund Walter warnt: „Willst du dir Prügel einhandeln? Sport ist etwas, das man freiwillig tut. Energiesparen hingegen wird derzeit von den Umständen erzwungen; jedenfalls bei der unteren Einkommenshälfte im Land.“ Weiß ich doch – und wettere deshalb seit Wochen gegen den Gießkannen-Humbug der Spritpreisbremse. Davon abgesehen, dass sich die Mineralölkonzerne eine Goldnase verdienen: In den Genuss der preisdämpfenden Restwirkung kommen eben auch jene, die das gar nicht bräuchten – Wohlhabende und Reiche.

In Krisenzeiten muss sich der SOZIALstaat bewähren durch Hilfe für in Not geratende Mitbürger. Seine Aufgabe ist es nicht, Luxusgewohnheiten zu subventionieren. Wer sich ein Privatauto für 50 000, 80 000 oder mehr Euro leisten kann und „sportiv“ 10, 14, 18 Liter durch den Auspuff jagt, ist nicht in Not. Wer mehrmals im Jahr in Urlaub fährt, kann nicht notleidend sein. Wer in keinem Schmutzjob malocht, trotzdem täglich ein Vollbad nimmt oder zweimal ausgiebig duscht, ist wohlhabend oder aber völlig ahnungslos. Selbiges gilt für alle, die darauf bestehen, sich im Winter hemdsärmelig im rundum auf 24 Grad geheizten Haus zu tummeln. …

Nichts von all dem ist verboten, gleichwohl verantwortungslos gegenüber Allgemeinheit und Umwelt. Aber die betreffenden Zeitgenossen sollten nicht nach Staatsknete rufen, wenn ihre Unarten jetzt teuer werden. Die staatliche Fürsorge gebührt jenen, die wegen der Preisexplosionen ihre Grundversorgung kaum noch oder nicht mehr realisieren können. Für alle Bessergestellten sollte die bürgerliche Tugend gelten: Selbst ist der Mann und die Frau. Gelle, Herr Lindner.

Kommen wir zu dem, was dieser Tage jedem als quasi erste Bürgerpflicht aufgegeben ist: Energie sparen. Die eine Hälfte muss es jetzt aus finanziellen Gründen sowieso. Die Gesellschaft insgesamt muss (müsste) dem Zustand des Planeten zuliebe ohnehin in den Energiesparmodus gehen. (Übrigens: Selbst ohne Corona-Seuche und Ukraine-Krieg hätten wir in zehn Jahren vor dem gleichen unausweichlichen Zwang zum Energiesparen gestanden.) Irritiert stellen wir indes fest: Gut die Hälfte der Leute hat sich noch nie einen Kopf darum gemacht, was das lebenspraktisch für einen selbst heißen könnte. Da waren 30 Jahre Spartipps für die Katz. Erst jetzt, wo Gas/Öl, Strom, Sprit richtig teuer werden, beginnt sich bei vielen die Aufmerksamkeit auch auf die Möglichkeiten eigenen Handelns zu richten.

Da gibt es eine schier unendliche Vielzahl von kleinen und kleinsten Handlungsoptionen. Die laufen allesamt auf einen Grundsatz hinaus: „weniger“. Im Auto weniger aufs Gaspedal treten, wo möglich weniger Auto fahren; weniger Heißwasser verbrauchen; Spülmaschine mit weniger Temperatur, weniger Leerraum und also auch seltener laufen lassen; Waschmaschine ebenfalls; in Wohnung/Haus weniger Räume weniger hoch heizen; weniger Festbeleuchtung und weniger Elektrogeräte standby am Netz halten; usw. usf.

Das sei doch nur Kleinkram, wird eingewandt. Aber Walter und ich haben in einem, sogar spaßigen, Sparwettbewerb herausgefunden: Viel Kleinvieh macht eine ganze Menge Mist. Will sagen: Kann den privaten Verbrauch an Elektrizität, Heiz- und Fahrenergie je nach Bemühen um 10, 20, gar 30 Prozent verringern. Das hält bei der derzeitigen Inflationsrate zwar die Haushaltskasse nicht schadlos, weist den Putin-Imperialismus noch nicht in die Schranken und rettet auch nicht die Welt vor dem Klimawandel. Aber: Es ist ein Beitrag zu all dem.

Andreas Pecht

,

Archiv chronologisch

Archiv thematisch