Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Frühlingsgefühle oder Frühjahrsmüdigkeit? („Quergedanken“)

Monatskolumne Nr. 200, März 2022

Redaktionelle Vorbemerkung aus aktuellem Anlass: Der nachfolgende Text entstand eine Woche vor dem Überfall Putin-Russlands auf die Ukraine. Das „Kulturinfo“ März, in dem er erstpubliziert ist, erschien heute (25.2.), gedruckt war das Heft aber bereits am 22.2. . Deshalb ist die Kolumne noch völlig unbeleckt von den  jüngsten Kriegsereignisse.

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ape. Derweil ich diese Zeilen zu Bildschirm bringe, randaliert die erste Welle eines kräftigen Sturmtiefs übers Land. Ihr erinnert euch an neulich, an 17./18. Februar: Wegen der Wetterfrösche Unwetterprognose bleiben in NRW die Schulen dicht, sind in Rheinland-Pfalz und anderen Bundesländern die schulische Präsenzpflicht aufgehoben. (Was die Corona-Seuche nicht mehr hinkriegt, die Wettergötter schaffen es im Handumdrehen.) Gewiss, wir hatten schon wesentlich heftigere Stürme, aber der hier ist auch nicht von schlechten Eltern. Zumal die wilden Winde, volkstümlich ausgedrückt, pisswarm sind. Zehn Grad plus heroben im Westerwald um 9 Uhr früh quasi mitten in der „Hochwinterszeit“ – statt Eis zu kratzen und Schnee zu schippen, staunt man über draußen bereits blühenden Krokusse und Osterglocken.

Kurzum: Den Winter 2021/22 können wir getrost abhaken, einmal mehr verbuchen als Schlammbraddel-Saison. Der Januar war hierorts wieder um zwei Grad wärmer als in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts im langjährigen Mittel. Februar/März werden auch nicht kälter ausfallen, selbst wenn zum Schluss noch ein paar Frostnächte kommen oder gar ein paar Eimer Schnee fallen sollten. Frühling demnach jetzt schon. Den Mitbürgern im Kindesalter gilt das inzwischen als ganz normal. Meine Altersgenossenschaft indes, also die noch mit Traditionswintern aufgewachsenen alten Säcke und Säckinnen, irritiert das vorzeitige Frühlingserwachen irgendwie gehörig. Da geht es uns wie vielen Zugvögeln: Deren Hauptschwärme zogen heuer leidlich verspätet nach Süden, dafür sind sie jetzt reichlich früh schon wieder zurück – singen, tanzen, locken folglich bereits im kalendarischen Winter zur Frühjahrsvögelei.

Himmel hilf, was ein Durcheinander! Und das hat uns gerade noch gefehlt, ringt der Homo sapiens zu Beginn der wärmeren Jahreszeit doch sowieso körperbiologisch und/oder psychologisch mit zwei sich fundamental widersprechenden, ja einander schier ausschließenden Phänomenen: Frühlingsgefühle vs. Frühjahrsmüdigkeit. Während Erstere munteren Schaffensdrang nebst frohgemutem Hang zu Schwof und Süßholzraspelei motivieren, steht Letztere dem genau im Wege mit Trägheit, Lustlosigkeit, Schläfrigkeit. Freund Walter schüttelt den Kopf. Er kann darin keinen Widerspruch sehen, nur zwei unterschiedliche Münzen derselben Währung: „Mit der einen bezahlst du jetzt, mit der anderen nachher, oder umgekehrt. Blöd wäre nur, wenn du im falschen Moment die falsche Münze aus dem Säckel holst.“ Wie bitte? „Na ja, ist doch klar:  Bei der Liebe einschlafen, auf der Arbeit aber vor Energie schäumen, das kann der menschlichen Weisheit und Lebensart idealer Schluss kaum sein.“ Wo er recht hat. Dann also rein ins verfrühte Frühlingswirken, mit gescheit ausbalancierter Zweigleisigkeit – wenigstens sofern und solange die vom Zivilisationswachstum aus dem Fundament gerissene Natur uns nicht noch heftiger drangsaliert.

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Übrigens: Gewisse Herrschaften eines kleinen, lautstark die eigene Auserwähltheit beschwörenden Völkchens vorgeblicher Weltversteher haben den Sinn vieler Worte/Begriffe unserer Sprache völlig verdreht, geradezu pervertiert. Wir werden uns diese Worte zurückholen, sie reinigen und wieder in ihre eigentliche Funktion einsetzen müssen. Neben Freiheit gehören dazu etwa Diktatur, Spaziergang, Volk, Durchblick, Vernunft, Fakten, Widerstand, Solidarität, das vordem ehrenwerte Querdenken ...

Andreas Pecht
    

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