Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Trielliert und gewählt wär’. Was nun?

Das ist das Elend eines Monatsmagazins mit langem Druckvorlauf: Derweil ich diese Zeilen in den PC hacke sind es noch ein paar Tage hin bis zur Bundestagswahl; wenn Ihr sie zu lesen kriegt, ist das Ding aber gelaufen. Weshalb ich eigentlich gar nichts zu diesem Thema schreiben wollte. „Kannste bei so einer historischen Wahl nicht machen!“, motzt Freund Walter. Jetzt ist es mal an mir, die Augen zu rollen: Fang du auch noch die Unart an, allen möglichen tagesaktuellen Ereignissen das großspurige Etikett „historisch“ anzupappen. Für die meisten davon wird es in den anno 2070 erscheinenden Büchern zur Weltgeschichte nicht mal eine Fußnote geben.

Zu dieser Wahl würde sich vielleicht die kleine Notiz finden: „Deutschland vollzog 2021 auf Bundesebene nach, was in den meisten der traditionellen Westdemokratien bereits viele Jahre Gang und Gäbe war – die Bildung einer Koalitionsregierung aus mehr als zwei Parteiungen. Das war zwangsläufige Folge der Auflösung alter Parteimilieus, der ausgreifenden Auffächerung des öffentlichen Meinungsspektrums sowie der daraus resultierenden Zersplitterung der Parteienlandschaft inklusive Schrumpfung der beiden einst großen Volksparteien auf Gruppierungen um den 20%-Bereich. Damit war auch Deutschland vollends in der westeuropäischen Parlamentsnormalität angekommen.“

In Skandinavien und den Niederlanden, ebenso in Südeuropa oder auch Israel ist es ein altbekanntes Phänomen, dass drei, vier oder mehr Bewerber um das oberste Regierungsamt gegeneinander in den Ring steigen. Walter nennt das „die mediale Bütt“, ich neige zu „polit-theatralisches Rollenspiel“. Während aber anderswo niemand auf die Idee kam, dieser Form einen eigenen Begriff zu verpassen, hat hierzulande ein Schlauberger für den erstmaligen Dreier-Fight im TV einen Fachbegriff aus den Tiefen der Mathematik beigeschleppt, der binnen Stunden die schnellste Wortkarriere machte, die je zu erleben war: Triell.

Als ich das mir bis dahin unbekannte Wort erstmals sah, dachte ich an den süddeutschen Dialektbegriff „Triel“; hochdeutsch: Maul. Weshalb ich das Wort als Bezeichnung für den öffentlichen Disput der sich um das Kanzleramt Bewerbenden denn doch etwas despektierlich (wenn auch nicht ganz unzutreffend) fand. Nun gut, ist schon wieder Schnee von gestern. Beim nächsten Mal könnte es dann Quartell heißen, was indes nach Kartell klingt, also auch nicht nett wäre.        

Und jetzt? Jetzt wird wohl irgendeine Tri-Regierung gestrickt. Egal,  welcher Art die sein mag: Ohne gehörigen Dampf von außen dürfte die sich kaum dazu durchkoalieren können, das jedwede nähere und weitere Zukunft bestimmende primäre Epochen-Problem des Klimawandels mit einer Wucht anzupacken, die Kindern und Enkeln keine Katastrophenwelt hinterlässt. Das war schon den Wahlprogrammen und Wahl-Slogans der auf Zweistelligkeit hoffenden demokratischen Parteien anzusehen. Im Grunde versprachen sie reihum optimalen Klimaschutz und weiteres materielles Wohlstandswachstum zugleich. Kann es das geben? Nö, jedenfalls nicht nach den Gesetzen der Physik und mit dem Ziel einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft, die nicht mehr, sondern erheblich weniger Luft, Wasser, Naturfläche, Rohstoffe verbraucht/versaut als bisher. Denn noch gilt auf Erden: Soll aus einer Maschinerie hinten mehr rauskommen, muss man vorne mehr reinstecken.

Walter hat gerade seine Demonstrantenstiefel wieder hervorgekramt.    
 

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