Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Feuchtsommer 2021 bringt eine Pilzschwemme

ape. Wie zu erwarten und dieser Tage beim Waldgang bereits wiederholt bestätigt gefunden: Der Feuchtsommer 2021 bringt in vielen Regionen eine regelrechte Pilzschwemme hervor. Kein  Zufall also, dass bereits jetzt die Anzahl der erfassten Pilzvergiftungen 50 % über der gesamten Vorjahresbilanz liegen soll. Kapieren tu ich das nicht. Ich selbst bin seit Kindestagen passionierter Pilzsammler, doch keineswegs ein Pilzsortenkenner. Mir sind nur jene fünf Pilzarten bekannt, die ich als Bub schon mit der Großmutter sammelte und im Familienrund verspeiste. Von zweien weiß ich nichtmal die richtigen Namen. Was allerdings belanglos ist, solange ich sie nur eindeutig als zu meinen fünf Speisepilzsorten gehörig identifizieren kann. KEIN Stück kommt mir in den Korb, von dem das nicht zu 100% klar ist. Verengte Auswahl schafft so erweiterte Sicherheit.

In meinem Revier vermehren sich derzeit Pfifferlinge schier explosionsartig in einer Fülle wie zuletzt vor acht oder neun Jahren – jedenfalls an jenen abgeschiedenen Stellen (ihr würdet sie kaum finden!), wo Boden-, Wasser-, Bewuchs- und Lichtstruktur passen. Meine über Jahre und Jahrzehnte bewährten Suchplätze in den Übergangszonen zwischen Nadel- und Mischwald sind inzwischen wegen brachialen Masseneinschlags von Schadfichten erheblich reduziert. Also machte ich mich quer durchs noch verwachsene Gelände auf die Suche nach anderen Stellen mit pilzadäquaten Vegetationsbedingungen – fand hier und da dies oder das.

Doch plötzlich stand ich nach Übewindung von allerhand Gebüsch, Gestrüpp, Gematsche mitten in einer, wie ich es nenne, „Pfifferlings-Bonanza“. Orange-gelbe Placken in einer kleinen Senke auf zwei, drei Dutzend Quadratmetern in solch großer Menge, dass man eine 10-köpfige Fresstafel damit pappsatt bekäme – würde man den ganzen Bestand aufklauben. Wer das in solch einem Glücksfall tut, den aber hole der wäldische Klabautermann! Für anständige Pilzesucher mit Naturfreunde- und Nachaltigkeits-Ethos gilt hier hingegen als oberstes Gebot: Die eigene Gier eindämmen und der Natur ihren Anteil lassen! Mir ist dabei die selbstauferlegte eiserne Regel (für gute wie für schlechte Jahre) hilfreich: Jeder dritte gesichtete Pilz bleibt stehen.

Die zweite Regel für den passionierten Pilzesucher heißt dann: Suche dir beständige Orientierungpunkte, damit du die Stelle angelegentlich demnächst oder in den Folgejahren wiederfindest. Es soll Leute geben, die das mit Hilfe von Smartphone und GPS machen. Aber, verdammich, wie banal, ja nachgerade ehrenrührig ist das denn?!

Andreas Pecht

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