Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Im Rinnsal lauert das Monster

Jetzt steht man im Westerwald oder Hunsrück am Fenster, betrachtet die Umgebung unter ganz neuen Gesichtspunkten. Woher und wohin würden die Wasser stürzen bei 200 Litern Regen auf den Quadratmeter binnen weniger Stunden? Hier die sonst meist trockene, aus dem Wald kommende und als Feldweg durch Wiesen bis zum Unterdorf verlaufende kleine Senke: Sie würde zum rauschenden Bach. Und weil der am unteren Ende seit Jahrzehnten kein Bett mehr hat, würde er sich orientierungslos über die Straßen ergießen und durch die Häuser toben.

Andernorts schlängelt sich ein Rinnsal, das gewöhnlich gerade eine handbreit Wasser führt, durch Wohnsiedlungen. Bald verschwindet es in einem Rohr, um einige hundert Meter weiter in das normalerweise 30 bis 60 Zentimetern flache, hübsche Miniflüsschen am Talgrund zu blubbern. Was, wenn sich von einem Moment zum nächsten die Wassermengen im Rinnsal und im Flüsschen mehr als verzwanzigfachen?

„Hochwasser“. Doch das ist der falsche Begriff. Hochwasser erlebt man an den größeren Flüssen – mit meist vorhergesagten Pegelständen, auf die mit seit Generationen eingeübtem Verhalten reagiert wird. Die noch ungewohnten lokalen Starkregenereignisse der jüngeren Jahre, erst recht die jetzige großregionale Katastrophe im Westen sind etwas ganz anderes: Hochgefährliche bis lebensgefährliche, auf wenige Augenblicke komprimierte Sturzfluten. Die hinterlassen Gebiete, in denen oft nicht nur sprichwörtlich kein Stein auf dem anderen bleibt.  

Spätestens seit den entsetzlichen Geschehnissen am 14./15. Juli in Ahrtal und Eifel, in NRW und Belgien sollte auch der Letzte begriffen haben: Wenn entfesselte Natur zuschlägt, gelten selbst in einem der höchstentwickelten Länder auf Erden gewohnte Gewissheiten wenig. Das Heim, das wir für unsere sichere Burg hielten – es kann von jetzt auf gleich ein Trümmerhaufen, gar ein Grab sein. Häuser, Geschäfte, Betriebe, Straßen, Brücken, Gleise: weggespült, kaputt, unbrauchbar. Gas, Strom, Trinkwasser, Internet, Telefon: Die Netze, die uns sonst so selbstverständlich sind: unterbrochen, zerstört.

Plötzlich erleidet man als Betroffener eine Lage, sieht als Außenstehender Bilder, wie man sie bisher nur aus Kriegsgebieten oder Katastrophenregionen in fernen Ländern kannte. Und die Leute in Westerwald, Taunus, Hunsrück sind sich bewusst: Wäre das Unwetter nur ein paar Kilometer weiter nach Osten und/oder Süden gedriftet, es würden sich nun bei ihnen die Leichenhallen füllen. Es kann jeden fast überall treffen. Auch wird es, so die klimawissenschaftliche Gewissheit, eben kein Jahrhundert dauern, bis ähnlich zerstörerische Ereignisse als Sturzfluten, Hitze/Dürre, Feuersbrünste, Extremstürme hierzulande erneut zuschlagen.

Da ich dies schreibe, sind für RLP und NRW bald 200 Fluttote gemeldet.  Zugleich höre ich von Gaffern und Katastrophentouristen, diesen Geiern aus dem ethisch unbeleckten Teil der Menschheit. Ich lese von Betrügern, Plünderern, Rechts- und Verschwörungsextremisten, die die Not für sich auszunutzen versuchen; und es packt mich großer Zorn. Dem steht die gewaltige Hilfewelle aus der Bevölkerung nah und fern gegenüber, die einem den Glauben an das Urmenschliche im Gros der Menschen zurückgeben kann. Gewiss, es ist unendlich viel zu bereden, auch zu streiten über die Lehren aus der Katastrophe. Aber, Herrgott!, das macht man, wenn die Toten beerdigt sind und die Überlebenden mit dem Nötigsten versorgt.

 

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