Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Die alten jüdischen Zentren am Rhein sind nun Weltkulturerbe

ape. 2012 hatte ich Gelegenheit, an einer Rundreise mit Historikern und Archäologen zu den Relikten jüdischen Lebens in den drei SchUM-Städten am Rhein teilzunehmen. Anschließend schrieb ich einen Zeitungsartikel über einiges von dem, was ich dabei gelernt hatte. Der Text hob insbesondere auf die historischen Bedeutung der drei jüdischen Zentren in Speyer, Worms, Mainz vom 10. bis ins 14. Jahrhundert für das Judentum weltweit ab – ebenso auf die Bedeutung der Juden für die Entwicklung dieser Zentralregion des Heiligen Römischen Reiches. Anlässlich der heutigen Aufnahme des jüdischen Erbes der SchUM-Städte in die UNESCO-Welterbeliste habe ich den Artikel nochmal hervorgeholt und empfehle hiermit (nachfolgend) die Leküre. Er könnte manchem Zeitgenossen die Hintergründe in knappen 4300 Anschlägen verständlicher machen.
 
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Fragt man Juden in aller Welt nach dem Begriff „SchUM“, wissen sehr viele, dass er Speyer, Worms und Mainz meint. Fragt man nichtjüdische Rheinland-Pfälzer, können wohl die meisten damit kaum etwas anfangen. Dieses Missverhältnis aufzulösen, kann bereits der Antrag hilfreich sein, die SchUM-Städte und -Stätten in die Welterbeliste der Unesco aufzunehmen. Denn es geht da um Erinnerung an die über Jahrhunderte bedeutenden jüdischen Zentren am Rhein.

Es ist jungen Leuten heute nur schwer zu vermitteln, in welchem Ausmaß das Judentum einst Teil des Abendlandes war. Verglichen mit den Verhältnissen vor dem Holocaust gibt es in Deutschland nur wenige jüdische Gemeinden und sie sind klein. Dies macht auf sehr reale Art schmerzhaft deutlich, dass die Ermordung von Millionen jüdischer Mitbürger durch das Nazi-Regime noch immer nachwirkt. Umso wichtiger die Aufgabe, jene Zeugnisse zu bewahren, die den Nachgeborenen etwas erzählen können über den jüdischen Anteil an unsrer gemeinsamen Geschichte. Und die SchUM-Städte am Rhein sind eines der frühesten dieser Zeugnisse.

SchUM ist eine Abkürzung für Speyer, Worms und Mainz. Der Begriff ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben ihrer hebräischen Namen: Schin (Sch) für Schpira, also Speyer; Waw (U) für Warmaisa, Worms; Mem (M) für Magenza, Mainz. Alle drei Städte waren schon im Mittelalter christliche Bischofssitze, bildeten gemeinsam ein politisches, religiöses, wirtschaftliches Zentrum im „Heiligen Römischen Reich“. Zeitgleich aber waren sie für mehrere Jahrhunderte auch Heimstatt von drei der wohl größten und einflussreichsten jüdischen Gemeinden im sogenannten aschkenasischen Raum, also Mitteleuropa von Nordfrankreich bis Polen, wo sich seit der Spätantike Juden angesiedelt hatten.

„Wie sehr gehören unserer Lehrer in Mainz, in Worms und Speyer zu den Gelehrtesten der Gelehrten, zu den Heiligen des Höchsten. Von dort geht die Lehre aus für ganz Israel.“ Diese Lobrede des Rabbi Isaak Or Sarua aus dem 12. Jahrhundert unterstreicht die herausragende Bedeutung der mittelalterlichen SchUM-Städte für das Judentum weltweit. Sie macht auch verständlich, warum noch heute jüdische Besucher von überall her, mit Ehrfurcht etwa in den Lehrsaal der Wormser Synagoge treten: Hier wie in den Lehrhäusern Mainz und Speyer haben legendäre Gelehrte vom 10. bis ins 14. Jahrhundert Thora und Talmud studiert und kommentiert; darunter Schlomo ben Jizchak, genannt „Raschi“, oder Gershom ben Jehuda, die „Leuchte des Exils“. Schüler aus aller Herren Länder kamen zu ihnen in die SchUM-Städte am Rhein, trugen ihre Lehren wieder hinaus zu den Gemeinden in aller Welt – wo sie bis heute Bestandteil der Religionspraxis sind.

Doch die SchUM-Gemeinden waren auch für die drei Rhein-Städte selbst von enormer Bedeutung. Ohne sie hätte von gebildetem Stadtbürgertum kaum die Rede sein können; ohne sie wären Speyer, Worms und Mainz kaum große Handelszentren des Mittelalters geworden. Nicht umsonst haben Wormser Juden früh Stadtbürgerrechte erhalten, haben christliche Herrschaften auch wiederholt versucht, in den jeweiligen Nachbarstädten Juden abzuwerben. Es gab lange Phasen, während derer zwischen Christen und Juden ein gedeihliches Neben- oder Miteinander herrschte. Allerdings immer wieder unterbrochen durch antijüdische Übergriffe bis hin zu entsetzlichen Pogromen. Die Blütezeit der SchUM-Gemeinden endete denn auch mit den großen Pest-Pogromen 1349. Es folgten wechselvolle Zeiten: Aus Speyer und Mainz waren Juden etwa im 15./16. Jahrhundert zeitweise ganz vertrieben.

Verglichen mit den monumentalen Domen der drei Städte nehmen sich die baulichen Überreste ihrer jüdischen Geschichte eher bescheiden aus. Ihre Zeitzeugenfunktion ist dennoch nicht weniger bedeutend. In Speyer sind es vor allem die Ruine der Synagoge und die Mikwe, das jüdische Ritualbad; in Worms die rekonstruierte Synagoge mit Lehrsaal und ebenfalls Mikwe, dazu der älteste erhaltene Judenfriedhof Europas. In Mainz gibt es einen jüdischen Denkmalfriedhof, mit teils ins 11. Jahrhundert zurückreichenden Grabsteinen. Alle drei Städte versammeln in jüdischen Museen oder Museumsabteilungen wertvolle Artefakte und Dokumente – die mit den Bauten zusammen Zeugnis ablegen von der SchUM-Epoche als wesentlichem Teil des rheinischen Beitrags zum Kulturerbe der Menschheit.                Andreas Pecht

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