Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Die Kaiser des Mittelalters im Netz der Macht

ape. Wenn am 9. September 2020 im Landesmuseum Mainz die große Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa“ eröffnet (bis 18. April 2021), endet damit eine mehr als vierjährige Vorbereitungszeit. Diese hatte mehrfach mit außergewöhnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Inspirator, Nestor und wissenschaftlicher Leiter des vielköpfigen Projektteams aus Fachleuten aller Bereiche der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) Rheinland-Pfalz sowie von außerhalb hinzugezogenen Experten war in der ersten Phase Prof. Dr. Stefan Weinfurter. Doch der in Heidelberg arbeitende Historiker, der in Mainz zuhause war, verstarb leider unerwartet, noch bevor das Ausstellungsprojekt in seine finale Umsetzung eintreten konnte.

Weinfurters Heidelberger Professorenkollege und Freund Bernd Schneidmüller, ebenfalls Historiker und weithin angesehener Spezialist für die Mittelalterepoche, übernahm nun die wissenschaftliche Leitung. Unter den von der Corona-Pandemie ausgehenden beträchtlichen Erschwernissen für die Arbeit nahmen er und sein Team Weinfurters Projektansatz auf und entwickelten ihn fort bis zur jetzigen Realisation als hochkarätige Landesausstellung. Die wirft – im Verbund mit etlichen korrespondierenden Präsentationen, Aktionen, Vorträgen im übrigen Rheinland-Pfalz – manch bisher ungewöhnlichen Blick vor allem auf das Zeitalter ungefähr vom späten 8. bis ins 13. Jahrhundert.

„Ein bisschen Werbung“ mal ganz spannend

Zum öffentlichen Vorprogramm der Landesausstellung gehörte eine bereits Anfang des Jahres gestartete, dann durch Corona lange stillgelegte, erst in den letzten Wochen vor Eröffnung wieder aufgenommene Vortragsreihe. In deren Rahmen reiste Bernd Schneidmüller selbst nach Koblenz, um auch vor dortigem Publikum auf der Festung Ehrenbreitstein, wie er sagt: „ein bisschen Werbung für unsere Ausstellung zu machen“.  Denn diese ist keineswegs nur von lokalem Mainzer Interesse. Vielmehr beackert die Präsentation rund fünf Jahrhunderte, in denen aus der Rheinregion von Basel über Speyer, Worms, Mainz, Koblenz bis nach Köln und Aachen heraus die Geschicke Europas bestimmt wurden. Wie macht eine Koryphäe der Mittelalterforschung „Werbung“? Indem sie das Spannende der Historie selbst sprechen lässt, auch der eigenen Begeisterung darüber und über die alsbald in Mainz versammelten authentischen Zeitzeugnisse Ausdruck verleiht. Zugleich skizzierte Schneidmüller in seinem Referat Blickwinkel, Absichten, Aufbau des Ausstellungskonzeptes.

Was geht einem Historiker durch den Kopf, der in Koblenz mit der Seilbahn vom Deutschen Eck zur Festung Ehrenbreitstein fährt? Bernd Schneidmüller kam der Gedanke: „Ich schwebe von Gallien nach Germanien.“ So erzählt es der Professor im Rahmen seines Vortrages über die Säulen der Kaisermacht von Karl dem Großen bis Barbarossa. Mit diesem Bezug zum antiken Imperium Romanum ist er gleich bei einem von zwei Kernthemen der Schau: dem Aufstieg der deutschen Gebiete beiderseits des Rheins vom antiken Grenzland zur Zentralregion im Heiligen Römischen Reich des Mittelalters.

Von der Grenzregion zum Zentrum des Reiches

Eine Anleihe bei den Wirtschaftswissenschaften erhellt die Faktoren für die enorme Aufwertung der Rhein-Gebiete nach dem Untergang des antiken Römerimperiums. Die Ökonomen sprechen von historischer „Wirtschaftsbanane“, einer sich gebogen von Manchester bis Mailand erstreckenden Innovationsregion mit den rheinischen Landen im Zentrum. Diese überragten ihre Umgebung auf  den Feldern Politik und Verwaltung, Wissen und Gewerbe, Kommunikation und Verkehr. Es war Karl der Große, der anno „800 das antike Kaisertum der Römer für das lateinische Europa erneuert“, erläutert Schneidmüller. „Genau zu dieser Zeit erwuchs das Land beiderseits des Rheins zu einer Herzkammer des mittelalterlichen Reichs. Von der Peripherie zum Zentrum: Diese Geschichte bildet die Basis unserer Ausstellung.“

Darauf baut das zweite Hauptthema der Mainzer Präsentation auf: Die Säulen der kaiserlichen Macht in jenen Jahrhunderten. Wobei der Blickwinkel ein anderer sein soll, als bei früheren   Mittelalterausstellungen andernorts. Der Fokus liegt diesmal weniger auf den gekrönten Lichtgestalten, den „großen Männern der Geschichte“, sondern mehr auf den politischen Bedingungen ihrer Herrschaft. Da wären zuerst die oft unbeachteten Fundamente jedweden gesellschaftlichen und staatlichen Geschehens: Millionen namenloser, rechtloser, unfreier Bauern, deren Arbeit das Wirken und die Ausstaffierung der Herrscherdynastien – um die es in besagtem Zeitraum geht – von Karolingern, Ottonen, Saliern, Staufern überhaupt nur möglich machte. Drei mittelalterliche Güterverzeichnisse aus Lorsch, Prüm und Weißenburg dokumentieren in Mainz gewaltige Transferleistungen in Form von Fronarbeit und Abgaben an mächtige Klöster als einer der Säulen kaiserlicher Macht.

Absolute Alleinherrschaft? Nur ein Kaisertraum

Aber hatten die Kaiser mit den Klöstern wie auch mit den Bischöfen und Päpsten nicht oft mehr Verdruss als Freud‘? Das ist ein durchaus berechtigter Einwand – der sogleich zur wichtigsten Besonderheit des Ausstellungskonzepts führt: Der Betrachtung mittelalterlicher Kaiserherrschaft als vielgestaltiges, mannigfach wechselwirksames Netzwerk zahlreicher, teils sehr verschiedener  Akteure mit sehr unterschiedlichen, nicht selten gegensätzlichen Interessen. Wie sagt der Historiker: „Die Kaiser verstanden sich als einzigartig, als einsame Spitze in der politischen Hierarchie.“ Ihr universaler Anspruch auf absolute Alleinherrschaft von Gottes Gnaden sei aber mehr „ein Sehnsuchtstraum“ gewesen als Realität. Denn „ein Reich kann nicht auf Befehl und Gehorsam aufgebaut werden. Es entsteht in Aushandlungen und Gestaltungen von Vielen.“ Weinfurter hatte das „Wirkverbünde“ genannt, Schneidmüller spricht von „konsensualer Herrschaft“.

Folglich betrachtet die Ausstellung auch jene Kräfte näher, die während der Herrschaft der diversen Kaiser-Geschlechter mit wechselndem Gewicht mal freiwillig oder via Vorteilsausgleich, mal unter politischer Druck- oder gar militärischer Drohkulisse zu einer halbwegs stabilen Machtbalance innerhalb des Reiches kommen mussten. Da wäre vorneweg der Papst, ohne dessen Segen ab dem 9. Jahrhundert kein König legal Kaiser des Heiligen Römischen Reiches werden konnte. Was so einfach klingt, war ein fast das gesamte Mittelalter andauernder Konflikt zwischen weltlicher und kirchlicher Macht. Darin spielten die bald zu gewaltigem Einfluss gelangten Bischöfe eine gewichtige, nicht zuletzt auf den eigenen Vorteil abzielende Rolle. Insbesondere die Erzbistümer Trier, Köln und Mainz mauserten sich zu Machtzentren des Reichs. Sie arbeiteten zwar häufig in ruppiger Konkurrenz gegeneinander, dennoch kam die kaiserliche Staatsführung an ihnen kaum vorbei. Gerade Mainzer Erzbischöfe wurden zu regelrechten Königs- und Kaisermachern.

Mit ihnen musste das Kaisertum ebenso einen Konsens finden wie mit den Reichsfürsten und den  nachgeordneten Adligen, die mit ihren Gütern und Lehen zwar stets auch eigene Interessen verfolgten, zugleich allerdings die Ordnungstruktur des Reiches bildeten und seine ökonomische Basis sicherten. Und nicht zuletzt hatten die Kaiser Belange zu berücksichtigen, die auf die Tagesordnung gesetzt wurden von in jener Zeit sich teils stürmisch zu Handels-, Verwaltungs- und Geisteszentren entwickelnden Städten wie Speyer, Worms, Mainz, Frankfurt, Koblenz …

Von Karl dem Großen bis zu Barbarossas Tod

Die Mittelalterbetrachtung der Ausstellung schlägt den Bogen bis zum Tod des Staufer-Kaisers  Friedrich Barbarossa 1190, der während des 3. Kreuzzuges im türkischen Fluss Saleph beim Baden ertrunken sein soll. Warum nicht bis zum Untergang der Staufer-Herrschaft 1254? Schneidmüller erklärt es so: Barbarossas Sohn Heinrich VI. und sein Enkel Friedrich II. hatten sich von den Landen am Rhein als Zentrum der Herrschaft ab- und dem mittelmeerischen Reichsraum zugewandt. Gleichwohl wird das Landesmuseum mit drei Exponaten auftrumpfen, in denen 1356 das konsensuale Prinzip als eine Art Grundgesetz für das Heilige Römische Reich besiegelt wurde: die Goldene Bulle – in der Ausstellung vertreten durch die originalen Ausfertigungen für die Erzbischöfe in Köln, Trier und Mainz.     

Dieses außerordentliche Exponat-Trio gehört zur beträchtlichen Zahl hochkarätiger Ausstellungsstücke, die in Mainz zusammengeführt werden. Darunter solche, deren Nennung Geschichtskundigen Glanz in die Augen treibt. So der Codex Manesse, die bedeutendste handschriftliche Liedersammlung des Mittelalters. Oder das Armreliquiar Karls des Großen. Der Grabstein Jehudas, des einst überragenden jüdischen Gelehrten in den für das gesamte europäische Judentum bedeutsamen Schum-Städten Speyer, Worms, Mainz. Oder der Pilastersarkophag, in dem 876 König Ludwig der Deutsche, Enkel Karls des Großen, beigesetzt worden sein soll. Oder die Grabkrone der Kaiserin Gisela, das Ada-Evangeliar, der Egbert Codex ….  

Schneidmüller unterstreicht mit spürbarem Enthusiasmus Bedeutung und Wirkkraft, die für Ausstellungsbesucher aus der Konfrontation mit derartigen Exponaten erwachsen: „In der Begegnung mit Kostbaren Handschriften oder erlesenen Schmuckstücken erleben wir authentische Einzigartigkeit. Das ist in einer Welt des massenhaften Kopierens und Vervielfältigens etwas ganz Besonderes. Sie sollen in unserer Ausstellung keine fake objects oder fake news sehen. Es geht um neue Achtsamkeit, um die Neu- oder Wiederentdeckung einzigartiger Originale. Diese sprechen in ihrer künstlerischen Kraft auch heute noch zu uns. Zum Verstehen wollen sie aber in die Kontexte ihrer Entstehung gerückt werden“ – über die sie, umgekehrt, dann auch Zeugnis ablegen.   

Andreas Pecht

Die Ausstellung im Landesmuseum Mainz geht von 9. September 2020 bis 18. April 2021. Weitere Infos: www.Kaiser2020.de

Andreas Pecht

Kulturjournalist i.R.

Archiv chronologisch

Archiv thematisch