Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

In der Not lasst uns singen: Andrà tutto bene

Liebe Mitmenschen, dies schreibe ich am 22. März im Jahre Corona. Da konferieren Kanzlerin und Ministerpräsidenten gerade per Videokonferenz über die nächste Stufe der Maßnahmen gegen die Seuche. Man darf davon ausgehen, dass die deutschlandweite Ausgangssperre kommt, wenn nicht heute, so wohl bald. Es wird nicht der letzte Schritt sein. Gestern hat Italien alle Fabriken geschlossen, die keine lebenswichtigen Produkte herstellen. Auch das wird nicht auf Italien beschränkt bleiben.

Wir sind im Notstand, jede/r und das Ganze – selbst wenn Berlin vor Inkraftsetzung der Notstandsparagraphen des Grundgesetzes noch zurückschreckt. Das würde quasi die Verhängung des Kriegsrechts bedeuten. Davor graust es jeden freiheitsliebenden Zeitgenossen. Als Typ, der sein Lebtag der Obrigkeit skeptisch bis renitent gegenüberstand, zu dessen Naturell Gehorsam so wenig gehört wie Anpassung an irgendwelche Trends: Als solchem sind mir schon die bisherigen Einschränkungen der Freiheiten richtig widerwärtig. Dennoch plädiere ich seit Tagen für noch schnelleren, härteren, durchgreifenderen Seuchenschutz, vom Staat verbindlich für jeden verhängt und durchzusetzen. Wat mutt, dat mutt.

Es ist, wie wir nun merken, im Ernstfall der Staat Angelpunkt des Geschehens. Die Märkte regeln von sich aus herzlich wenig, und die schlimmsten Hysteriker toben an den Börsen. Es ist der Staat, der die Wirtschaft halbwegs in der Spur und die Unternehmen am Leben erhalten muss. Es ist der Staat, der im Interesse der Allgemeinheit den uneinsichtigen, mit Empfehlungen nicht erreichbaren kleineren Teil unserer Bevölkerung zu vernünftigem Verhalten zwingen muss.

Ausgerechnet Herr Söder, mit dem mich sonst fast nichts verbindet, avanciert zum Seuchenhelden. Weil er zügig hinlangt, verordnet, durchdrückt, was zum Schutze des Gemeinwohls dem Einzelnen zugemutet werden muss. Und mir ist im Moment völlig egal, ob er damit klammheimlich das Kalkül verfolgt, sich für nachher in eine bessere Position als Kanzlerkandidat zu bringen. Vorher war vorher und nachher wird nachher sein. Wir werden später intensiv zu diskutieren haben, welche Weichen im neoliberalen Wahn über die vergangenen 30 Jahre falsch gestellt wurden. JETZT aber ist JETZT, und darauf allein kommt es an – in den nächsten Wochen, wahrscheinlicher vier, fünf Monaten oder etlichen mehr. Seuche verlangsamen und eindämmen, Leben retten: Das hat vorläufig  oberste Priorität, so sehr die Einschränkungen persönlicher Gewohnheiten oder wirtschaftliche Notlagen auch schmerzen.

Im Zivilen ist Solidarität nun erste Bürgerpflicht. Alle (können) wissen, was das bedeutet: Körperlicher Abstand ist Herzensnähe, Daheimbleiben rettet Leben und die Einhaltung der Seuchen-Etikette muss unseren Alltag durchdringen – bei Jung und Alt, Reich und Arm, Städtern und Landeiern. Gleichwohl gilt: Unterkriegen lassen wir uns nicht; gerade in der Notstandsisolation entdecken wir die Gemeinsamkeit und andere Lebensqualitäten neu. Zugleich durchflutet eine Welle der Hilfsbereitschaft sowie Anerkennung der Helfer die Gesellschaft. Zugleich auch setzen viele dem Schrecken Witz und Launigkeit entgegen. Das ist gut, denn würden wir die Heiterkeit vollends verlieren, hätten wir schon verloren. In Italien singen die Menschen abends trotzig aus Fenstern und von Balkonen: „Andrà tutto bene“ – alles wird gut. So lasst uns denn in diesem Sinne gemeinsam singen. 

Andreas Pecht

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