Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Brummgedöhns im himmlischen Zwischendeck

Freund Walter hat ein neues Hobby: Schießen. Genauer: Er schießt Pfeile und schleudert Steine in die Gegend. Noch genauer: Er nimmt die Wolken unter Beschuss. Dabei gibt er jedoch als nur spärlich muskelbepackter Achilles ein recht lachhaftes Bild ab. Eigentlich wäre ihm auch ein Kampftraining lieber, bei dem er mit doppelläufiger Schrotflinte gegen Tontauben antritt. Doch mangels diesbezüglicher Gelegenheit ist er eben bei Flitzebogen und Zwille, also den Waffen seiner Kindheit, gelandet.

Was er da treibe, frage ich. Antwort: „Luftabwehr“. Reaktion meinerseits: ??? Erklärung seinerseits: „Ei, man kann es doch schon im Fernsehen erkennen. Ob Feldberg oder Rügen, Moseltal oder Alpen, Kalahari oder Amazonas – du kriegst neuerdings alles aus der Vogelperspektive gezeigt. Selbst die Lokalzeitungen sind voller Luftaufnahmen: Lorely von oben, Festung Ehrenbreitstein von oben, die Mülheim-Kärlicher Turmtrümmer von oben, honorige Pappnasenversammlungen von oben…. Und woher kommt das? Von diesem neumodischen Brummgedöhns im himmlischen Zwischendeck – von den Drohnen.“

Also folgt Walter nun der Devise „wehret den Anfängen“ und wappnet sich mit Fliegerabwehr von eigener Hand gegen demnächst massenhaftes Eindringen von Drohnen in den erdnahen Luftraum über seinem Hochmoselgärtchen. Natürlich hat der Freund nicht mehr alle Tassen im Schrank, zumal es seine Pfeile und Steine keine 25 Meter in die Höhe schaffen. „Egal“, zischt er, „man muss was tun, sonst geht‘s hier bald zu wie im Science-Fiction-Film ‚Das fünfte Element‘“.

Damit spielt er auf Bruce Willis an, der im x-ten Stockwerk seines futuristischen Wohnsilos von einem fliegenden China-Imbiss versorgt wird, während drumherum der Teufel los ist: Schnellzüge donnern draußen senkrecht die Wände rauf und runter; nachher muss Bruce sein Schwebetaxi in einen Verkehrstrubel einfädeln, der über fünf Dutzend horizontale und ebenso viele vertikale Freiluft-Fahrebenen flutet. Er muss bei jeder Kreuzung nicht nur rechts, links und geradeaus gucken, sondern auch nach oben und unten – was ihn nicht davor bewahrt, dass ihm die halbnackte Milla Jovovich durchs Taxidach auf den Rücksitz kracht.

„Willst du so etwa leben?“, fragt Walter. „Die hohen Himmelsgefilde mit Fernfliegern und Raumschiffen dicht bestückt, am Boden die altbekannte Chaos-Überfüllung durch PKW und LKW, dann obendrein der Zwischenraum über den Köpfen mit dreidimensional herumschwirrendem Kroppzeug vollgestopft.“ Ich sag mal so: Die Milla auf dem Rücksitz tät‘ ich noch in Kauf nehmen, auf alles andere aber dankend verzichten. Ein paar einzelne fliegende Fernsehkameras oder Pressefotoapparate wären ja noch zu verkraften. Aber die reale Drohnerei will ja mehr: Fliegende Paketdienste und Taxis, frei schwebender ÖPNV und sowieso die „Freiheit“ aller Bürger, jeden und alles mit privaten Kleindrohnen aus der Luft betrachten zu können.

Reicht es nicht, dass erst ein Vulkan ausbrechen muss, um am hohen Himmel mal ein paar Stunden Ruhe einkehren zu lassen? Frisst uns die Verkehrswelt am Boden nicht schon genügend Natur und Lebensqualität weg? Müssen wir nun auch noch das Zwischendeck unter den Wolken in eine hektisch lärmende Sphäre verwandeln? Insofern liegt Freund Walter gar nicht mal so falsch, jedenfalls gedanklich. Fast möchte man bedauern, dass er mit Flitzebogen und Zwille gewiss nie so einen Kreiselbrummer vom Firmament holen wird. 

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