Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Vorsatz für 2019: Gas wegnehmen

ape. Eigentlich halte ich diese Sache mit den guten Vorsätzen zum neuen Jahr für Humbug. „‘s kütt, wie ‚s kütt“, heißt es nach weiser Rheinländer-Art und meint: „Do steckste nit drin“ oder „kahnste nix maache“. Dies kaum hingeschrieben, fährt Freund Walter mir maulend in die Parade: „Quatsch! Das ist nicht Weisheit, sondern kölsche Thresen-Philosophie; von den Suffniks entwickelt, um weiter Kranz für Kranz ihres Labbergetränks ohne schlechtes Gewissen in sich hinein schütten zu können.“ Starker Tobak, Monseigneur; ausgerechnet von dir, der gerne selbst die Tassen hebt und der Devise folgt: Ich will mich nicht aufregen über Dinge, die sich nicht ändern lassen.

So sprach ich – weshalb es im alten Jahr noch einen heftigen Disput gab. Denn Walter war gehörig erbost: „Tust du nur so, um mich zu ärgern, oder bist du so meschugge?“ Es folgte eine Donnerpredigt, bei der selbst Thomas Müntzer erbleicht wäre: Über genaues Lesen und Zuhören, das jetzt offenkundig auch bei mir verkomme, seit ich bei diesem Facebook mittue. „Was hatte ich gesagt?!“, giftete er. „Der genaue Wortlaut war: Ich will mich nicht aufregen über Dinge, die sich nicht ändern lassen. Und was, bitteschön, lässt sich nicht ändern?“ Der Freund gab selbst die Antwort, und die ließ die Scheiben klirren: „Nur die Naturgesetze sind unveränderlich; alles vom Menschen Gemachte aber ist veränderbar; wir müssen nur wollen!!!“

Weil es ein Erlebnis besonderer Art ist, wenn Walter aus der Haut fährt, legte ich – selbstredend in aller Unschuld – noch eine Schippe drauf: Dann lass uns für 2019 all unserer Laster abschwören. Keine Ess- und Trinkgelage mehr, nix Tobacco, kein verträumtes Stieren in die Landschaft oder versonnenes Schauen nach hübschen Frauen, Schluss mit dem Luxus der Smartphone-Verweigerung, den Miniaufständen in Supermärkten, den Spitzen wider Hautevollee und Nationalismuskäse. Und Du, mein Lieber, solltest endlich heiraten – unter der Haube hätte es ein Ende mit der freigeistigen Liederlichkeit. Kurzum: Lass uns anständige deutsche Bürger werden.

Schweigen. Langes Schweigen. Sehr langes Schweigen. Der Freund schaute derart seltsam, dass ich denn doch beunruhigt war. So stellt man sich den Blick eines Großinquisitors vor, der sein Urteil „die Hex‘ muss brennen“ gerade fällt. Schließlich zischte er ganz leise: „DAS widerrufst du augenblicklich – oder wir sind geschiedene Leut‘.“ Was soll ich sagen? Mein Widerruf aller potenziellen Abschwüre und braven Vorsätze folgte unverzüglich. Der Scherz war schlecht gesetzt;  es dauerte ein paar Gläser bis die Luft wieder gereinigt war.

Wir einigten uns dann doch auf einen gemeinsamen guten Vorsatz für 2019: Gas wegnehmen. Will sagen: Noch weiter zurücktreten vom Irrsinn des Immerschneller und Immermehr. Denn wir hatten 2018 wieder erlebt, dass ringsum Kollegen, Bekannte, Freunde umfielen wie die Fliegen wegen Rückens, Herzkasper, Nervenflattern oder Seelenbruchs. Mag sein, der Homo sapiens und dessen nach wie vor steinzeitliche Entwicklungsstufe bei Körper und Hirn passen einfach nicht zu den multiplen Hochgeschwindigkeits-Anforderungen des Turbokapitalismus. Die Zeitgenossen verblöden in den unendlichen Fluten des Info-Inputs und zerbrechen unter der Peitsche des Allzeit-Funktionieren-Sollens. Diesen Zirkus machen wir, so gut es irgend geht, nicht mit. Basta. Nachtrag von Walter: „Auch dieser Zirkus wäre veränderbar; wenn wir wollen, sogar im Großenganzen.“

Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 51./52. Woche im Dezember 2018

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