Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Graue Vorzeiten und alt-neue Wirtschaftsideen

ape.Koblenz. Man muss am Mittelrhein keinem mehr erklären, dass auf der Festung Ehrenbreitstein stets allerhand los ist. Festivals, Konzerte, Vorträge, Erlebnisevents für jede Altersklasse sowie Dauer- und wechselnde Sonderausstellungen machen sie zu einem Ort ebenso des Vergnügens wie der lehrreichen Information. Auf Letzteres sei im Folgenden das Augenmerk gerichtet, namentlich auf zwei große Sonderausstellungen, denen über 2018 hinaus Bedeutung zukommt. Da wäre, erstens, die Präsentation „vorZEITEN – Landesarchäologie Rheinland-Pfalz“. Mitte Mai eröffnet, bietet sie eine Zeitreise durch die hiesige Geschichte vom Urozean bis ins Mittelalter. Da wäre, zweitens, die am 13. Juni startende Ausstellung „Tradition Raiffeisen: Wirtschaft Neu Denken“. Sie knüpft an den diesjährigen 200. Geburtstag Friedrich Wilhelm Raiffeisens und dessen Genossenschaftsidee an.

Beide Ausstellungen sind im Festungstrackt „Landbastion“ untergebracht. Im Obergeschoss unterstreicht „vorZEITEN“ auf einnehmende Weise, warum diese archäologische Präsentation 2017 eine der meistbesuchten (70 000 Besucher) Ausstellungen je im Landesmuseum Mainz war. Für Koblenz noch einmal optimiert, zeichnen rund 400 ausgewählte Fundstücke aus dem gesamten Bundesland die Region vor allem als einen faszinierenden Hotspot menschlicher Begegnung, Besiedelung und zivilisatorischer Entwicklung von der Steinzeit über Bronze- und Eisenzeit, römische Antike und fränkisches Frühmittelalter bis zur hochmittelalterlichen Handelsblüte am Rhein.

Im Erdgeschoss sind bei meinem Besuch hingegen die Ausstellungsmacher für „Tradition Raiffeisen“ noch eifrig mit dem Aufbau beschäftigt. Doch via Erläuterungen durch Kuratorin Romina Schiavone und Direktorin Angela Kaiser-Lahme entsteht ein lebhafter Eindruck dessen, was die Besucher hier ab Mitte Juni erwartet: Eine geschichtlich erhellende wie mit modernster Museumstechnik zum aktiven Gegenwartstransfer des Genossenschaftsthemas anregende Ausstellung – die dem ureigentlich technik-, wirtschafts- und sozialhistorischen Koblenzer Schwerpunkt im Trio der rheinland-pfälzischen Landesmuseen entspricht.

Während sich 2018 in Trier und dem dortigen Landesmuseum alles um den theoeretischen Sozialrevolutionär Karl Marx dreht, hebt das Koblenzer Landesmuseum in der Festung auf den praktischen Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen ab. Beide wurden sie 1818 in die sich rasend schnell und brachial verändernde Welt der industriellen Revolution geboren; Ersterer in Trier, Letzterer im Westerwaldörtchen Hamm a. d. Sieg. Derweil Marx sich in Köln, Brüssel, Paris, London mit den großen Fragen der kapitalistischen Ökonomie herumschlug, hatte es Raiffeisen zwischen Hamm und Neuwied vor allem mit dem Elend der Bauern als einer Auswirkung derselben zu tun. Zweischneidig ist der Fortschritt, stellte der Rauschebart aus Trier im Kommunistischen Manifest klar; das musste auch der evangelische Christ im Westerwald erfahren.

Ein großes Zeitpanorama zeigt eingangs der Koblenzer Raiffeisen-Ausstellung, wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts u.a. preußische Reformen einerseits zwar die Leibeigenschaft aufhoben, andererseits aber die „befreiten“ Bauern wegen Land- und Kapitalmangels bei strammen Abgabenpflichten in Schulden und Not versanken. Das führte zu Auswanderungswellen nach Übersee respektive starker Abwanderung verelendeter Landbevölkerung etwa in die aufstrebenden Industriezentren an Rhein und Ruhr – wo die verarmten Bauern als neue Proletarier vom Regen in die Traufe gerieten. So ging es damals zu im Westerwald, wo Raiffeisen als eines von neun Kindern einer selbst ärmlichen Familie aufwuchs.

Natürlich widmet die Ausstellung der Vita des Mannes, der zwischen 1845 und 1865 nacheinander in Weyerbusch, Flammersfeld und Heddesdorf Bürgermeister war, eine eigene, indes kompakt knappe Abteilung. Denn nicht Raiffeisens Biographie steht im Vordergrund, sondern seine nachwirkenden Ideen gemeinschaftlichen Wirtschaftens und seine praktischen wie pragmatischen Genossenschaftsansätze nach dem Solidarprinzip „was einer alleine nicht schafft, das vermögen viele“. Raiffeisen hatte sich nie die radikale Umwälzung der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf die Fahne geschrieben. Sein Antrieb war, aus christlichem Verständnis heraus, Genossenschaften als eine Art bäuerlicher Notgemeinschaften zu bilden: deren Mitglieder einander finanziell beistehen, die gemeinsam günstiger einkaufen und gemeinsam eine stärkere Position bei der Vermarktung ihrer Produkte erreichen können.

Dass zu jener Zeit – da Fortschritt und Massenverelendung zwei Seiten derselben Medaille waren –  eine Fülle von sozialpolitischen Veränderungsbestrebungen aufkamen, macht ein eigener Raum deutlich: Vor dem Hintergrund eines Gemäldes von Käthe Kollwitz, das wütende Arbeiter und Bauern zeigt, ist Raiffeisen eingebunden in eine Gruppenaufstellung etwa mit Marx, Adolph Kolping, Ferdinand Lasalle, Minna Cauer und Rosa Luxemburg. Von dort führt der Ausstellungsweg über eine Vielzahl von Beispielen des Genossenschaftswesens in Deutschland hin zur Gegenwart. Dass ohne Wohnbau-, Bank- und Agrargenossenschaften der schnelle Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg kaum möglich gewesen wäre, wird exemplarisch am zerbombten Koblenz verdeutlicht. Dass die Genossenschaftsidee nichts Gestriges ist, sondern tausende Genossenschaften mit hunderten Millionen Mitgliedern hierzulande wie weltweit bis heute und wieder vermehrt aktiv sind und uns alltäglich begegnen, machen gleich mehrere Mitmachstationen erfahrbar.

Die Präsentation bringt eine über Generationen in mannigfachen Formen erprobte Idee des solidarischen Wirtschaftens jenseits der bloßen Profitmaximierung (wieder) zu Bewusstsein. Den Menschen in den Mittelpunkt stellen; die Möglichkeiten zu Kraft, Kreativität und sozialer Beheimatung im gemeinsamen Tun erwägen; mal nachdenken über Alternativen – im Großen oder in Nischen – zu den festgetrampelten, oft in Sackgassen endenden Pfaden des globalen Kapitalismus: Darauf und auf die Handlungsmöglichkeiten jedes Einzelnen kapriziert sich die Ausstellung in ihrem Schlussteil. Der führt diverse aktuelle Zukunftsvorstellungen etwa über Postwachstumswirtschaft oder Gemeinwohl-Wirtschaft nach Harald Welzer, Christian Felber und anderen vor Augen unter dem Motto „Wirtschaft heute neu denken“.       

Andreas Pecht

Beide Ausstellungen  sind die gesamte Saison 2018 über geöffnet und werden auch 2019 noch  zu sehen sein.
Infos:
www.tor-zum-welterbe.de

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