Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Industriedenkmal Sayner Hütte auf gutem Weg

ape. Bendorf-Sayn. Gut zweieinhalb Jahre ist es her, dass der Autor an dieser Stelle über Restaurierungs- und Entwicklungsstand der Sayner Hütte berichtete. Ein jetzt anstehendes gewichtiges Jubiläum gab Anlass, das Denkmalareal an der Einmündung des Saynbachtals ins Rheintal bei Bendorfer-Sayn mal wieder in Augenschein zu nehmen und mit Verantwortlichen zu sprechen. Vor 150 Jahren, anno  1865, kaufte der Essener „Stahlbaron” Alfred Krupp die Hütte nebst einigen Erzgruben dem preußischen Staat ab. Damit begann nach der kurfürstlichen und der preußischen deren dritte Blütezeit als bedeutende Eisengießerei in deutschen Landen. Die dauerte bis 1926, dann war Schluss mit Blüte.

Das 150er-Jubiläum wird nun von Ende Juni bis Oktober 2015 angemessen gewürdigt. Unter der kooperierenden Ägide von Stiftung Sayner Hütte, Rheinischem Eisenkunstguss-Museum sowie Historischem Archiv der Alfred Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung gibt es auf Schloss Sayn sowie im Denkmalkomplex der Hütte Ausstellungen zum Leitthema „Krupp und Sayn”. Begleitet werden die Präsentationen von einem opulenten Veranstaltungsprogramm aus Vorträgen, geführten oder schauspielerisch inszenierten Rundgängen zum Thema  sowie einem fest installierten künstlerisch-multimedialen Rundweg durchs Hüttengelände.

Zum Zeitpunkt unserer letzten Besichtigung der Sayner Hütte im Winter 2012 war gerade bekannt worden, dass die Landesregierung sich entschieden hatte, bei der Kultusministerkonferenz die Aufnahme der Hütte in die deutsche Vorschlagsliste für neue Unesco-Welterbestätten zu beantragen. Dieser Vorstoß hatte seinerzeit landesweit wie auch im näheren Umfeld einiges Erstaunen hervorgerufen. Denn das Industriedenkmal war bis dahin auswärts nahezu unbekannt. Auch bei der Bevölkerung am Ort selbst hielt sich die Wertschätzung in Grenzen, denn das Gelände hatte schwierige Jahrzehnte wechselnder Teilnutzung, Leerstände, Brache, Verfall hinter sich.

Der Vorstoß in Richtung Unesco-Welterbe blieb schon auf nationaler Ebene stecken, der rheinland-pfälzische Antrag wurde abgelehnt. Die Sache sei damit allerdings nicht erledigt, heißt es in Mainz. Sie liege nur bis auf Weiteres auf Eis. Weiteres? Darüber spreche ich beim aktuellen Ortstermin mit Werner Prümm und Rehlinde Glöckner, die heute gemeinsam als Geschäftsführung der Stiftung Sayner Hütte fungieren. In dieser Stiftung haben sich das Land Rheinland-Pfalz, der Kreis Mayen-Koblenz und die Stadt Bendorf im Sommer 2012 zusammengetan, um gemeinsam „für Erhalt, Pflege und Weiterentwicklung der historischen Eisengießerei einzutreten”.

Vierter und keineswegs nachrangiger Hütten-Förderer ist der „Freundeskreis Sayner Hütte”, ein bereits 2003 gegründeter Verein mit inzwischen 300 Mitgliedern. Nicht zuletzt dessen Aktrivität ist es zu verdanken, dass der Prozess zu Erhalt und Aufwertung des Industriedenkmals Anfang des 21. Jahrhunderts überhaupt in Gang kam. Der Verein wirkt nicht nur als Lobbygruppe im Interesse dieses Kulturerbes, sondern trägt Jahr um Jahr auch mit unzählige ehrenamtliche Arbeitsstunden zum Gelingen des Projektes bei. „Ohne dieses Engagement ginge es gar nicht”, meint Rehlinde Glöckner.  

Während des Gesprächs verdichtet sich meine frühere Einschätzung, wonach der Eintritt ins Unesco-Welterbeverfahren zu überstürzt betrieben worden war. Wer noch das Verfahren ums Welterbe Oberes Mittelrheintal erinnert, weiß: Dort dauerte es viele Jahre bis die Antragsgrundlage hinreichend abgesichert war mit wissenschaftlichen Studien zu Geschichte und Gegenwart von Bauten-, Natur-, Wirtschafts- und Kulturlandschaft, mit infrastrukturellen, denkmalpflegerischen, touristischen und anderen Entwicklungskonzepten.

Als 2012 der Antragsvorstoß für die Sayner Hütte erfolgte, war die Stiftung noch gar nicht gegründet, steckten die Sicherungs- und Restaurierungsarbeiten noch ebenso im Anfangsstadium wie die Systematisierung der Forschungsergebnisse zur Bedeutung der Sayner Hütte als bau-, wirtschafts und sozialhistorisches Zeitzeugnis. Dennoch habe, so Prümm, „bereits der Antrag und die Diskussion darüber einen Wandel im Bewusstsein der Bevölkerung bewirkt. Da die Fachleute hier ein Industriedenkmal von hohem Rang, ja von Weltgeltung sehen, wachsen im Ort Interesse und Wertschätzung daran, und auch der Stolz, so etwas zu haben.”

Es hat sich seit 2012 auf dem Gelände enorm viel getan. Die  jüngste Sanierungsphase des zentralen Denkmalteils, der Gießhalle, ist abgeschlossen. Die inzwischen weithin bekannte dreischiffige Frontfassade aus kunstvoll gestalteten Gusssäulen, -rahmungen und Sprossenfensterflächen ist umfassend erneuert, neu verglast und frisch herausgeputzt. Im Innern wurde das gesamte gusseiserne Säulen- und Trägersystem der Halle repariert, restauriert, teilerneuert. Dies war eine der wichtigsten Arbeiten, denn eben dieses System gilt als historisch erste Hallenkonstruktion aus vorgefertigten Gussteilen in Europa und ist damit Kern des Denkmalkomplexes Sayner Hütte. In die Halle wurde ein Boden aus besonderem Asphalt gegossen, der in seiner Farbgebung und grobporig belassenen Oberfläche an den ursprünglichen Belag aus Stampflehm, Steinen und Sand erinnert.

Zusammen mit den jetzt ebenfalls fertigen modernen elektrischen Vielseitigkeitsinstallationen ist die Halle damit für eine Nutzung als Ausstellungs- und Veranstaltungsraum fertig. Und nun Trubel im Denkmal? Prümm und Glöckner wehren ab. Es werde nur einen auf spezielle, dem Ort angemessene Veranstaltungen eingeschränkten Betrieb geben. Zudem beginnt schon 2016 der nächste Bauabschnitt am kopfseitigen Herzstück der Gießhalle: denkmalgerechter Rückbau des heute als Treppenhaus genutzten ehemaligen Hochofens, ergänzt um eine Wasserradinszenierung – sodass ab etwa Ende 2017 Besucher die einstige Funktionsweise der Gießhalle in Gänze nachempfinden können.

Bereits im vergangenen Jahr wurde die benachbarte Krupp’sche Halle für erste Veranstaltungen in der Sayner Hütte genutzt. In diesem Jahr folgte dort das Eröffnungskonzert des Mittelrhein Musikfestivals mit Mussorgkis „Bilder einer Ausstellung” nebst Kunstperformance und einer Ausstellung von Herbert-Piel-Fotos aus 15 Festivaljahren. Allerdings befindet sich die Krupp-Halle noch im Vor-Sanierungs-Stadium. Das wird nun im Spätsommer 2015 beendet. Dann ist Arbeitsbeginn für den denkmalgerechten Rückbau des Gebäudes in Richtung Ursprungsstilistik und zugleich Ausgestaltung als dauerhaftes Besucherzentrum und Veranstaltungsraum. Wenn 2016 die Bauarbeiten am Hochofen der Gießhalle beginnen, soll die Umgestaltung der Krupp’schen Halle möglichst abgeschlossen sein.  

Für den künftigen Besucher- und Nutzungsbetrieb des Industriedenkmals Sayner Hütte ist das Jubiläum 2015 auch eine praktische Nagelprobe. Denn erstmals wird das Gelände mit der Ausstellung „Krupp und Sayn” dauerhaft bespielt, täglich von 11 bis 17 Uhr fürs allgemeine Publikum geöffnet sein. Und bis 2017 oder 2018 könnte das Projekt dann eine Reife erreicht haben, mit der man guten Gewissens einen neuerlichen Vorstoß in Richtung Unesco-Welterbe ins Auge fassen darf.

Andreas Pecht

 

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