Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Wir hier gut, Ihr dort böse

ape. ESC? Steht für die Computertaste zum Abbruch überflüssiger Operationen. Sinnigerweise bezeichnet das Kürzel auch einen kuriosen Sängerwettstreit, bei dem es – wie ich die Sache verstehe – um spaßhafte Wahl des besten unter den schlechtesten Songs Europas geht. Eigentlich sind mir derartige Nonsense-Unternehmungen eher peinlich. Ging mir schon in den 1980ern bei „Verstehen sie Spaß?” so: Immer sehnte ich den Moment herbei, da der nette Kurt Felix die Versuchskaninchen aus der Lächerlichkeitsfalle rettet.

Ähnlich jetzt beim ES-Contest. Reihenweise wurden reizende Menschen zum Affen gemacht. Manche hatten gar kein Singetalent, andere mussten das ihre entstellen, um ein paar Wahlstimmen einzuheimsen. Gewonnen hat ein Herr oder eine Frau Wurst aus Österreich ganz ohne Hilfe von Mägden, die problemlos ihre Dirndln füllen. Das geht in Ordnung, weil er/sie wenigstens alle Töne richtig traf und nach meinem Eindruck mit Herzblut bei der Sache war. Dass die Wurst einen Bart hat, ist mir so wurst wie die Frage, ob mein Auto von männlichen, weiblichen oder sonstgeschlechtlichen Mechanikern mit oder ohne Behaarung repariert wird.

„Aufhören, Pecht! Aufhören! Während deine Zunft die Vorstellung befeuert, der Westen habe mit Putin wieder einen richtigen, durchaus kriegswürdigen Feind, lässt du dich vom banalsten Amüsement leimen.” So krakeelt Walter wie allweil Kabarettist Schmickler in Beckers „Mitternachtsspitzen”. Ach Freund, ich habe einfach keine Lust, schon wieder vergeblich gegen Mechanismen anzuschreiben, die seit Generationen die Krone der Schöpfung als zugleich dämlichste Spezies auf Erden ausweisen.

Ja doch, du hast Recht, es ist arg, wie man uns einbleuen will, bei der Ukraine-Krise handle es sich um eine neue Runde im Kampf Gut gegen Böse. Wie man uns treiben will, eindeutig für die Guten zu sein. Was hier selbstredend heißt: für den Westen und die Kiew-Regierung gegen Separatisten und Moskau. Auf der Gegenseite ist es gerade umgekehrt. Die Separatistenbewegung sei von den Russen gesteuert, sagen die Hiesigen, die Maidan-Bewegung vom Westen, sagen die Dortigen. Wie wir die Geheim-Pappenheimer beiderseits kennen, steckt in beiden Aussagen ein gutes Quantum Wahrheit – und sind letztlich die hier wie dort nur für ein bisschen mehr Lebensglück streitenden einfachen Ukrainer die Gelackmeierten.

Man beschimpft jetzt nachdenkliche Geister als Putinversteher. Hallo, geht’s nicht noch absurder? Wie sollte je ein menschlicher Konflikt vernünftig gelöst werden ohne das Bemühen, sich in die Lage des Gegenübers hineinzudenken, es zu verstehen. Die Dinge auch aus dem Blickwinkel der anderen Seite zu betrachten, galt bis neulich als fundamentales Werkzeug der Diplomatie. Die ganze Entspannungs-/Ostpolitik der 70er/80er konnte nur auf dieser Grundlage gelingen. Genau so eine Politik bräuchten wir jetzt – statt blödsinniger, nichtsnutziger, leichtfertiger Feindbildpflege und Säbelrasselei.

Gewiss, es ist ein Kreuz mit Putin. Aber leider auch mit Obama, den anderen „Verbündeten” und unseren eigenen Oberen. Kleiner Hoffnungsschimmer, der viele Politiker und Leitartikler hierzulande schier zur Verzweiflung bringt: Die meisten Deutschen mögen nicht einseitig Partei ergreifen und erst recht mögen sie sich nicht für eine Eskalation des Konflikts in Dienst nehmen lassen. Wenn’s um Krieg geht, ist es doch recht klug geworden, dieses Volk.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 22. Woche im Mai 2014)

 

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