Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Auto fahren oder Kissen verprügeln

ape. Der Arzt sagt, ich soll mich nicht immer so aufregen. Das sei schlecht für die Gesundheit. Wenn mich aber der Zorn packe, müsse ich ihn gleich wieder ableiten. Wie? Indem ich mein Kopfkissen verprügle oder im Wald die Bäume anschreie. Der medizinische Rat will mir nicht recht einleuchten. Denn Bäume waren mir stets die besten Genossen und auch mit dem Kissen habe ich keinen Streit. Warum den Unmut auslassen an denen, die wehrlos sind und sowieso völlig unschuldig am Weltenquatsch?

Was können Wald und Bett dafür, dass mir die Galle hochkommt beim Katastrophen-Genöhle über jüngste PISA-Testergebnisse? Da war unser Nachwuchs beim Lösen praktischer Lebensaufgaben im OECD-Vergleich „bloß mittelmäßig”. Deutsche Kids können Fahrscheinautomaten und Routenplaner nicht so fix bedienen wie Koreaner und Chinesen. Mal davon abgesehen, das es mir trotz Universitätsbildung oft genauso geht, und dass asiatische Ticketautomaten vielleicht einfach nutzerfreundlicher sind als diejenigen der Deutschen Bahn: Was ist so schlimm an mittelmäßigem Abschneiden?

Es gehört zum Wesen von Leistungsvergleichen, dass stets die meisten Teilnehmer Mittelfeld sind. Kennt man von der Bundesliga: Kleine Abstiegszone, große Mitte und als Spitzengruppe der FC Bayern München. Welches Naturgesetz verlangt denn, dass Deutschland bei allem und jedem protzen muss wie die bayerische Fußballgeldmaschine? Mittelfeld ist ein guter, weil normaler und noch etwas lebensfroher Rang. Ewig klassenbester Streber ist Mist: Jeder will bei ihm/ihr abschreiben, niemand mit ihm/ihr knutschen.

Neulich war Freund Walter Probefahren. Ein neues Auto steht auf dem Investitionsplan; notgedrungen, weil das hiesige öffentliche Regionalverkehrswesen einfach nicht in die Puschen kommt. Nach dem Besuch im Autohaus hätte er vielleicht doch besser erstmal Bäume bebrüllt oder Kissen verdroschen. Stattdessen kotzt er mir seinen Frust über „automobile Neuheiten” ungebremst auf den Tisch: „Wenn schon Auto fahren, dann richtig. Ich will nicht in einem Computer auf Rädern hocken und bloß noch kutschieren wie der Ochse am Nasenring!”

Dann erzählt er von Bremsen, Gaspedalen, Schaltungen, Scheibenwischern, Scheinwerfern mit eigenem Willen; von Verbrauchsoptimierungsrechnern, Spurhaltungs-, Abstands- und Einparkautomatiken; von sprachgesteuerten und sprechenden Türen, Gurten, Navis, Infotainmentkonsolen, Internetschnittstellen; von Möglichkeiten aus dem fahrenden Auto die Rollläden daheim zu schließen, die Klobrillenheizung anzuwerfen, den Standort der Kinder zu ermitteln, den Blutdruck des Opas abzurufen oder die Paarungsbereitschaft des Lebenspartners zu kalkulieren… Zwecks Sicherheit der Verkehrsteilnehmer stehe dies alles in permanentem Datenaustausch mit einem globalen Überwachungsnetz. Standardausstattung: NSA-on-bord.

Walter ätzt: „Furze am Steuer – und die Leitstelle veranlasst einen Ferncheck deines Gesundheitszustandes; der Bordcomputer chauffiert dich dann zur nächsten Bedürfnisanstalt nebst Rasthaus mit Fencheltee und Wellness-Angebot.” Noch mehr teure Technik, die kein Mensch braucht, sage ich. „Nö, nö,” widerspricht der Freund spitz: „All die neuen Automatikfunktionen der Fahrzeuge sind schon deshalb nötig, weil sich wegen der vielen akustischen und optischen Automatiksignale des Bordsystems kein Mensch mehr mit Selbstfahren abgeben kann.” Oh weh, gebt mir ein Kopfkissen, schnell!

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17./18. Woche im April 2014)

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