Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Europa, meine geplagte Heimat

Doch, ja: Ich bin für ein gemeinsames Europa. Unbedingt. Trotz allem. Und obwohl Brüssel mich ein ums andere Mal zur Weißglut treibt. Schon der 1957er Geburtsname macht einen irre. EWG, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft: eine Vereinigung bloß des Mammons wegen. Ein scheinbar völlig bekloppter Bürokratenverein, der den Krümmungsgrad von Gurken vorschreibt, Milchseen und Fleischberge subventioniert, neuerdings vor allem Banken. Das hat so rein gar nichts mit dem zu tun, weshalb ich mich seit Jugendjahren als Europäer fühle. Als einer, der erst am Neckar zuhause war, dessen Zuhause dann der Mittelrhein geworden ist – der zugleich musikalisch, literarisch, bildnerisch, philosophisch, kulinarisch, erst recht bei den Getränken und in der Liebe tief im europäischen Humus der Vielfalt wurzelt.

Sie werden fragen: nichts von Rheinland-Pfalz, nichts von Deutschland? Das ist bei solch politischen Konstrukten ähnlich wie bei der Religion: Jeder mag es damit halten, wie er will. Vergebung, verehrte Leser/innen, ich habe es mit beiden nicht so sehr. Heimatgefühle rumoren in mir weder für das Bindestrich-Bundesland noch für die Nation. Die Pfälzer hätten besser zu Baden gepasst, die Rhein-Mosel-Genossen eher mit den Kölschen unter einen Hut. Und was die Nationalstaaterei angeht: Die halte ich eh nur für einen vorübergehenden Trick der Geschichte, um etwas Übersicht ins Kuddelmuddel zu bringen, das Völkerwanderungen und  fürstliche Erbstreitereien angerichtet haben.

In Sachen Nationalgefühl geht es mir wie Heinrich Heine: Von etwas Kindheitsnostalgie abgesehen, ist es mir fremd. An dem ganzen Nationalkram interessiert mich eigentlich nur die politische Verfasstheit der Staaten. Gelten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder nicht? Meine ideelle Heimat ist Europa und seine Kultur, mein Zuhause ist die Landschaft der rheinischen Mittelgebirge. Ansonsten: Mit den kleinen Leuten auf Zypern, in Italien, Spanien, Dänemark, Polen und ihren Sitten verbindet mich mehr als mit Deutschbankern und ihren Unsitten.

Weshalb ich in Sorge bin um meine Heimat Europa. Was die EU-Granden damit anstellen, nennt sich mal Regulierung, mal Liberalisierung. In jedem Fall bleibt als entscheidende Frage: Wem nützt es? Grade Gurken waren nicht einfach Bürokratenspinnerei. Für grade Gurken braucht es speziell zugerichtetes Saatgut und normierte Anbauweise. Grade Gurken sind Voraussetzung für standardisierte Verarbeitungs-, Verpackungs- und Versandmaschinerien sowie ideal für die Handelskonzerne. Grade Gurken waren demnach nichts für Kleinbauern, sondern eines von vielen  Fördermitteln für den Umbau der einst vielgestaltigen europäischen Landwirtschaft in eine agrarindustrielle Einheitswüste.

Wer wohl mag Brüssel dabei die Feder geführt haben? Wer hat der EU-Kommission den Floh ins Ohr gesetzt von der Liberalisierung (sprich: Privatisierung) des Krankentransportwesens und der  Trinkwasserversorgung in Europa? Wer hat ein Interesse daran, dass Unternehmen und reiche Privatiers in den EU-Staaten Jahr um Jahr illegal, halblegal, scheißegal 1000 bis 3000 Milliarden Euro Steuern hinterziehen können? Mein geliebtes Europa wird Zug um Zug an Konzerne verhökert und auf die schmachvolle Rolle eines Finanzbordells reduziert. Das muss ein Ende haben. „Dann auf zur Heimatverteidigung!“, skandiert Freund Walter laut – vor Frühlingsgefühlen schier platzend.   

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17./18. Woche  2013)

 

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