Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Habemus – einen mordsmäßigen Zorn

16. März 2013, Samstagsfrühstück. Auf meinem Plan stand für diesen und den folgenden Tag: In aller Ruhe „Quergedanken“ abfassen und feinschleifen. Das in der Vorwoche entstandene Konzept sah nette Worte über den neuen Papst der Armen vor (Walter grient skeptisch). Dazu einige Sätze über das gut in die Landschaft passende Kultursommer-Motto „Eurovisionen“ (Walter nickt). Schließlich waren Anmerkungen geplant zum jüngsten Disput über die von mir lange vorhergesagte Verwässerung und schlussendliche Verdampfung der einst hehren Selbstverpflichtungen zum Wiederabbau der Koblenzer Seilbahn (Walter feixt bitter).

Dann hörten wir Radionachrichten, und aus war’s mit der wochenendlichen Gelassenheit. Der Freund fluchte: „Himmelherrgott, die Bagage legt es darauf an, die einfachen Europäer auf die Barrikaden zu treiben.“ Ich schmiss entnervt meinen Konzeptzettel weg. Die erste Nachricht vermeldete, die Regierung Zyperns wolle zwecks Bankenrettung die Guthaben zypriotischer Kleinsparer teilweise enteignen. Die zweite, dass die Deutsche Bahn ihre Kundendaten zu Werbezwecken verkaufen will. Geht’s noch?! Beide Vorstöße sind für nicht vollends marktliberalistisch verblödete Zeitgenossen schier unfassbare Provokationen.

Gerade erst waren die deutschen Regierungsherrschaften auf die Schnauze gefallen mit dem Plan, kommunale Bürgerdaten zu vermarkten. Jetzt kommt die Bahn mit dem nächsten unverschämten Versuch, unsere Privatsphäre profitabel auszuschlachten. Fahr‘ Bahn, gleich wissen allerhand Werbefuzzis, wann und wie oft du von wo nach wo unterwegs bist. Fortan wirst du mit speziellen Angeboten zugeschissen. Da treibt noch Mehrdorns Geist sein Unwesen, macht dem Staatsunternehmen Schande.

Der Gipfel aber sind die Vorgänge um Zypern. Glaube bloß keiner, wir Kleinsparer in Nordeuropa seien gefeit davor, demnächst um Teile unserer Spargroschen geprellt zu werden. Auf der Insel wird an einem kleinen Volk ausgetestet, was den großen Völkern des alten Kontinents künftig zugemutet werden kann – zur Rettung des von finanzkapitalistischen Gierhälsen zerschossenen Systems. Ja, ja, ihr Großökonomen, Wirtschaftspolitiker, Sachzwangkommentatoren und Komplexitätsanalysten: Ich weiß, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Aber es ist ihr Kern!

Und der besagt: Unersättliche Profitgeier haben mit Beteiligung oder Billigung verantwortungsloser bis feiger Politiker das Casino entfesselt, unter dessen Trümmern sie, und wir mit, begraben zu werden drohen. Die Rettung soll nun aus den Spargroschen der Bevölkerungsmehrheit finanziert werden. Von Menschen, die wie Walter und ich nie am Casino beteiligt waren, nie Aktien besaßen, niemals mit dubiosen Anlagen spekulierten. Von Menschen, die nur ein bisschen vom mühsam erarbeiteten Lohn sicher beiseite legen wollten für später. „Herrschaften, wenn ihr an unsere Sparbücher geht, dann ist in Europa, und bei mir auch, schluss mit lustig“, presst Walter hervor. Sein „No pasaran!“ klingt gar nicht mehr humorig.

Das Ekelhafteste bei all dem ist die miese Agitation, dass man die zypriotischen Kleinsparer zur Kasse zwingen müsse, damit die Belastung der deutschen Steuerzahler nicht noch höher werde. Klar: Hetze die kleinen Leute gegeneinander und dann spiele mit ihrer aller Geld das große Spiel der Bereicherung der Reichen weiter. Bis es endgültig heißt: rien ne va plus (nichts geht mehr).

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 13 im März  2013)

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