Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Fortschrittsmärchen

Klar, ältere Herrschaften können jüngeren auf den Keks gehen mit ihrem Schwärmen, die Welt sei  vor ein paar Jahrzehnten schöner, besser, vernünftiger gewesen. Oft entpuppt sich das als nostalgische Schönfärberei oder verbiesterte Altersgrantelei. Nein, früher war nicht alles besser. Aber: Einiges eben doch. Das fällt dem besonders auf, der Entwicklungen in den letzten 20 Jahren mit bundesrepublikanischen Zuständen der 1970er/80er vergleichen kann. Weshalb Typen wie mir (Jahrgang 1955) so schnell die Galle hochkommt angesichts lauten Fortschrittsgetrommels – für in Wahrheit erbärmliche Rückschritte.

Früher musste man beim Verschicken eines Pakets kein schlechtes Gewissen haben. Da wusstest du, die Bundespost bezahlt ihre Beschäftigten nach Tarif und behandelt sie ordentlich. Lief mal was aus dem Ruder, trat die Postgewerkschaft der Post vor’s Schienbein und die Verhältnisse waren wieder im Lot. Du wusstest, dein Paket würde im Regelfall binnen 24 bis 48 Stunden unbeschadet sein Ziel erreichen. Dann kam der Fortschritt: Liberalisierung, Privatisierung. Seither rollen  Zustelltransporter im Dutzend da her, wo früher ein Postauto die Paketlieferung besorgte. Was ökologischer und volkswirtschaftlicher Schwachsinn ist. Seither kommen die Lieferungen zwar kaum schneller an, dafür ist die Schadensquote höher. Seither ist der Paketversand etwas billiger – weil die Zusteller von den Transportkapitalisten geschunden und ausgebeutet werden, dass es eine Schande ist für unser Land.

Freund Walter steuert als jüngst gebranntes Kind ein weiteres Beispiel für galoppierenden Rückschritt im Fortschrittsgewand bei: marktliberales Fernmeldewesen. Unlängst funktionierte sein Festnetztelefon nicht mehr. Zur Fehlerbehebung musste er sich auf eine zermürbende Odyssee zwischen Gerätehersteller, Dienstprovider und Netzbetreiber begeben. Es brauchte Stunden bis er zwar zuständige (aber wenig kundige) Menschen fand und ans Handy bekam. Dann schoben sich die „Servicecenter“ der drei Firmen wechselseitig die Verantwortung zu, wollten ihm zwischendurch gleich neue Verträge und eine nagelneue Telefonanlage andrehen.

Walter geriet außer sich, ließ erst nach Wochen ab von der wutschnaubenden Forderung „Ans Fließband mit dem Lumpenpack!“ und mäßigte sich auf „Enteignen, alle!“. Denn sowas hätte es früher nicht gegeben. Da war es folgendermaßen (und jungen Lesern sei gesagt, das ist kein Fake): Hatte man irgendein Problem mit dem Telefon, dann war die erste und einzige Hilfeadresse die nächstgelegene Störungsstelle der Post. Die Nummer stand in jedem Telefonbuch ganz vorne, und erreichbar war dort zumindest werktags zwischen 8 und 16 Uhr immer jemand.

Zwar flötete der Postler nicht „herzlich willkommen, mein Name ist Kai Ahnung, was kann ich für sie tun?“. Er knurrte „was gibt’s?“, kannte sich aber aus und kümmerte sich. Das mochte etwas dauern, aber zwei, drei Tage später rückten gelernte Fernmeldetechniker mit Werkzeug nebst kostenlosem Ersatzapparat an und behoben das Problem. In summa ging das flotter, entspannter und für den Verbraucher billiger ab als neulich bei Walter. Gewiss, Zeiten ändern sich. Aber warum, zur Hölle, werden  funktionierende Prinzipien ersetzt durch hinrissiges Chaos? Das stiehlt uns mit Sucherei im Anbieter-, Tarif-, Technikdschungel die Zeit und mag sich mit Problemen jenseits des Verkaufs am liebsten gar nicht befassen.
                                                                            
Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website Woche 26 im Juni 2012)

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