Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Unser heilig’s Blechle

Sprechen wir mal über Autos. Da kann jeder mitreden. Schließlich sind in Deutschland 42 Millionen PKW zugelassen. Statistisch kommt auf jeden Haushalt einer. Also ist der Benzinpreis Aufreger an allen Tischen. Nur Freund Walter lässt das Thema kalt. Nicht, dass er kein Auto hätte. Aber er hat sich vor Jahren, als normales Super 1,14 Euro kostete, vom Spritpreis unabhängig gemacht. Er folgt der Weisheit eines ollen Witzes und tankt seither pro Woche für maximal 50 Euro. Mehr brauchte er damals nicht, weil er öfter per Muskelkraft oder im Zug unterwegs war. Und was er heute für die 50 Euro an Sprit kriegt, reicht ihm noch immer – für fast die gleiche Kilometerzahl wie ehedem.

Wie das geht? Walters Prinzip lautet: „Steigt der Benzinpreis, gehe ich mit dem Verbrauch pro Kilometer runter.“ 8,9 Liter hatte er mit seinem Mittelklässer auf 100 Kilometer anfangs verheizt. Bis 2007 stand er mit demselben Auto dank radikal veränderter Fahrweise bei 6,5 Litern. Dann wurde eine neue Karre fällig. Der Freund verstieß beim Kauf gegen deutsche Leitkultur: Er stieg auf ein kleineres Modell um. Normal ist, dass man sich mit fortschreitendem Alter immer größere Autos zulegt – heute vorzugsweise für 30 000 Euro aufwärts. Weshalb auf den Straßen jetzt Vehikel zuhauf kreuzen, die nach Motorisierung, Gewicht, Größe für sechsköpfige Familien ausgelegt sind oder Staatskarossen ähneln, neuerdings vermehrt auch Kampfpanzern.

Drinnen hocken aber meist nur ein oder zwei Menschlein, wegen deren Komplexen Monsterkraftwerke auf Rädern bewegt werden. Niemand braucht solche Protze von Autos wirklich. Doch wenn‘s um den motorisierten Status geht, trübt selbst bei sonst vernünftigen Mitbürgern irgendein Mysterium das Hirn. Leider ist auch die Krone der Schöpfung, die Frau, davor nicht gefeit: Da entsteigen 55 zierliche Kilo Schönheit zwei Tonnen blecherner Wuchtbrumme, und du denkst betrübt: Wieder frisst eine Revolution ihre Kinder – diesmal ist’s die Frauenemanzipation.

Walter ist mit seinem neuen Kleinen nebst vernünftiger, entspannter Fahrweise inzwischen bei 5 Litern pro 100 Kilometer gelandet. Und das ganz ohne teuren Technikfirlefanz wie Start-Stop-Automatik, Eco-Tempo-Managment, Schalt-Optimierungs-System etc. Etwas kleineres Auto; vorausschauendes Fahren mit großem Gang; rollen lassen, wo immer möglich; so wenig bremsen wie irgend vertretbar; 120 km/h Idealgeschwingkeit auf Autobahnen… Mit Klugheit und Gemütlichkeit drückte der Freund seinen Verbrauch also von 8,9 auf 5 Liter während zeitgleich der Spritpreis von 1,14 auf 1,58 Euro stieg. Vorteil Walter!

Einwand: Aber der Zeit-, Komfort- und Sicherheitsverlust?! Antwort: Was soll komfortabel sein an einem Auto, das ins Parkhaus nur passt, wenn links und rechts keiner steht? Was soll sicher sein an einer Karre mit Digitalorgel und Mäusekino, in der man nicht merkt, wenn man 200 Sachen drauf hat? Und der Zeitfaktor ist minimal, das habe ich bei normal-dicht befahrener A3 mehrfach getestet. Der Unterschied zwischen gelassen durchgehaltenen 120 km/h und mit nervöser Vollgas-Abbrems-Fahrt vergeblich versuchten 180 km/h liegt bei kaum 5 Minuten pro 100 Kilometer.

Sonst noch was? Ja, Walters Gruß an alle, die vom Tanz ums heilige Blechle nicht lassen können:  „Wenn demnächst in Asien, Afrika, Lateinamerika zwei Milliarden zusätzliche Autos auf die Straßen kommen, werdet ihr froh sein, noch ein bisschen Benzin für fünf Euro den Liter zu kriegen.“

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