Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Blümelein blau

„Schwärmen ist jetzt Bürgerpflicht am Mittelrhein“, kommentiert Freund Walter Eindrücke von den ersten Tagen der Bundesgartenschau (BUGA) Koblenz. Fassungslos steht er vor dem Phänomen, dass die Hiesigen fast sämtlich auf Wolke sieben zu schweben scheinen – wes‘ Partei, Standes oder Alters sie auch seien. Wo ist die Skepsis geblieben? Selbst stadtbekannte Beckmesser säuseln: „Ach, wie schön ist alles geworden“. Dazu klang das Loreley-Lied bei der Eröffnung im BUGA-Arrangement wie von Heine‘scher Schicksalhaftigkeit befreit und für beschwingte Stunden im Weißen Rössl notiert.

Mich wundert die allgemeine Enthusiasmierung weniger, denn ich erlebe nun schon die zweite Bundesgartenschau als quasi Einheimischer. 1975 in Mannheim war‘s nicht anders. Nach jahrelangem Zeter und Mordio herrschte plötzlich Friede-Freude-Eierkuchen am Rhein-Neckar-Eck. Dem damaligen Primaner kamen seine Monnemer seltsam vor, wenn sie glückselig grienend aus Luisen- und Herzogenriedpark heimkehrten. Schülerkreise mutmaßten, die Verpflegung dort hätten wohl die sonst im benachbarten Heidelberg ansässigen Vertreiber afghanischer Rauchware übernommen.

Wie dem auch war. Jedenfalls verfolgten in Mannheim anno 75 selbst vordem verbissene Gartenschaugegner bald mit Stolz geschwellter Brust die verlautbarten Besucherzahlen: Auf mehr als acht (!) Millionen summierten sie sich. Journalisten-Kollegen in Schwerin und Gera  schmunzeln jetzt über das Koblenzer Begeisterungsphänomen: „War bei unseren Bundesgartenschauen (2009, 2007) ähnlich. Keine Bange, das legt sich.“  Die Leute seien halt stolz, dass ihre kleine Stadt sowas überhaupt auf die Beine kriegt. „Entflammter Lokalpatriotismus ist wie Fan-Begeisterung: Bringt Rosarot-Sicht mit kollektivem Wonneeffekt hervor.“

Um nicht missverstanden zu werden: Ich will hier weder den Mittelrheinern die Hochstimmung vermiesen, noch die BUGA selbst madig machen. Ich will nur darauf hinweisen, dass wir allesamt –  Autor inklusive – im Augenblick wohl nicht ganz normal ticken. Was mit Blick auf die Erfahrungen früherer Gartenbaustädte als durchaus gewöhnliches und ungefährliches Symptom gelten darf. Interessanterweise ist nicht die Gestaltung der BUGA selbst Ursache für solche Verrücktheit. Denn die Begeisterung war schon explodiert, als die Koblenzer Inszenierung noch in den nichtöffentlichen Proben steckte. Die Ovationen nach der Premiere bestätigen nicht zuletzt eigene Erwartungen.

Erlauben Sie, verehrte Leserschaft, folgenden Erklärungsversuch: Die Aussicht auf das so ungewohnte Ereignis am Rhein ließ uns die alten Geister der Romantik zu Kopfe steigen. Angesichts der allfälligen Lebensprägung durch kaltes Geldgeschäft sind wir gepackt von der Sehnsucht nach der „blauen Blume“. „Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben; fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn’ ich mich zu erblicken“, schrieb dereinst Novalis. Die Blume, die der Schwärmer meinte, ist ein Hirngespinst. Und doch geistert sie durch die Welt als Symbol unausrottbaren Sehnens nach einem Leben in Frieden, Schönheit und Harmonie mit der Natur.

Walter schlägt die Hände überm Kopf zusammen: „Die BUGA lässt zehn Divisionen Tulpen nach preußischem Exerzierreglement zum Blühen antreten. Und das soll neoromantische Humansehnsucht beflügeln? Du hast nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Sag ich doch.    
      

,

Archiv chronologisch

Archiv thematisch