Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

So dumm sind wir nicht

Lasst euch nicht weismachen, Weltgeschichte würde von Königen, Kanzlern/innen oder sonstigen Großhelden geschrieben. Die schreiben bloß Geschichtchen. Am wirklichen Historienrad dreht die Vereinigung von Hinz und Kunz, dreht „die Straße“: 1789 Frankreich, 1832/1848 Baden und Pfalz, 1917 Russland, 1980 Polen (Solidarnosc), 1989 Deutschland, 2011 Maghreb/Arabien. Manchmal träumt einem jetzt nachts, vor den Börsen würde noch zu eigener Lebzeit millionenfach die ägyptische Weise gesungen: „Haut ab!“

Lasst euch nicht weismachen, wer regenerative Energien wolle, der müsse nun selbstverständlich Masten für Überlandleitungen in Vorgärten und auf Spielplätzen dulden, Stromtrassen quer durch Wohn- und Naturschutzgebiete hinnehmen. Unfug! Dass ein neues Kabelnetz her muss, enthebt die Erbauer doch nicht der Pflicht, natur- und sozialverträglich zu bauen. Das geht, wenn man will – und sich die Trassenführung nicht von den Energiemogulen diktieren lässt.

Lasst euch  nicht weismachen, die beste Alternative zum Benzin aus Erdöl sei der „Biosprit“ von zweckentfremdeten Kartoffel-, Weizen-, Reisfeldern. Oder sollte am Ende der Gipfel zivilisatorischer Entwicklung tatsächlich darin bestehen, dass die motorisierten Blechprotze den Menschen das Brot wegfressen?

Lasst euch nicht weismachen, dass für Stuttgart 21, für das Superschnell-Intercity-Netz, für den Börsengang der Bahn eintreten müsse, wer im Schienenverkehr die Zukunft sehe. Ich bin fest davon überzeugt, dass es zum Ausbau der Eisenbahn keine Alternative gibt. Die Deutsche Bahn AG ist das offenbar nicht. Sonst würde sie ihre Milliarden in eine Infrastruktur investieren, die möglichst viele Güter und Menschen von der Straße holt – statt sie in einem schwachsinnigen Luxuswettkampf mit Flugzeugen um ein paar eilige Geschäftsreisende zu verpulvern.

Lasst euch nicht weismachen, „Chancengleichheit“ sei das bestmögliche Ideal sozialen Strebens. Beim Lotto herrscht Chancengleichheit; jeder hat die Chance auf einen Haupttreffer. Was aber ist das Ende vom Lottolied? Eine 99-prozentige Mehrheit geht leer aus. Jeder Tellerwäscher könne bei Chancengleichheit Millionär werden, heißt es. Was‘n Quatsch. Würden alle Tellerwäscher ihre Chance ergreifen wollen, wäre keiner mehr da, aus dessen Arbeit man die Millionen quetschen könnte. Ne, ne: Chancengleichheit vergrößert bloß die Zahl der Wettbewerber, die sich wegen einer gleichbleibenden Siegprämie gegenseitig die Fresse polieren. Ein blödes Ideal.

Lasst euch nicht weismachen, mit einer Quote für die Chefetagen der Wirtschaft stehe oder falle die Frauenemanzipation. Ob Ackermann und Konsorten Herren oder Herrinnen sind, kann uns wurscht sein. So wie es keinen Unterschied macht, ob die Regierung unter Mutti Angela, Freiherr „Dr.“ Gutti oder Erzengel Gabriel nicht dafür sorgt, dass Frauen und Männern gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt wird.

Nun will auch Freund Walter noch seinen Senf dazu geben: „Und lasst euch nicht weismachen, es sei Sabotage am Aufschwung, wenn Mann und Frau zwischen Schwerdonnerstag und Aschermittwoch die Arbeitsnormen weniger interessieren als Jubilieren und Verlustieren. Helolaulaaf!“

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