Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Saunen im Deutschland-Express

Alle reden vom Wetter, wir auch. Nimmt man die Sommer-Extreme der vergangenen Wochen ins Visier, läuft gleich wieder einer meiner Lieblinge vor die Flinte: die Deutsche Bahn. Nicht, dass der Autor auf ihr besonders gern herumritte. Es ist das Unternehmen selbst, das sich ein ums andere Mal vordrängelt: Sobald der Wetterbericht eine irgendwie außerdurchschnittliche Wetterlage vorhersagt, gehen anderntags Nachrichten von außerordentlichen Ereignissen bei der Bahn um; zu jeder Jahreszeit.

Wer noch einen Beweis braucht, dass der Klimawandel real ist: Die Deutsche Bahn erbringt ihn. Anders als mit gehäuft unnatürlichen Witterungsextremen ließe sich kaum erklären, dass ein topmodernes, hochtechnisiertes und wohlorganisiertes Transportunternehmen von Eis oder Schnee, Sturm, Regen oder Hitze derart gebeutelt wird. Zuletzt gab’s in ICE-Waggons Saunen bis zum Umfallen gratis, weil die Klimaanlagen den Dauerbelastungen durch neuzeitliche Hitzerekorde nicht gewachsen sind. Nur in wenigen Fällen sei es zu Totalausfällen der Kühlung gekommen, beruhigt die Propagandaabteilung der Bahn. Soll heißen: Vereinzelte Problemchen, sonst aber alles im grünen Bereich.

Von dort, aus dem grünen Bereich, singen Reisende indes ein anderes Lied. In manchem ICE wird die Fahrt zum Volkswandertag: Auf der Flucht vor Waggon-weise stotternden Klimaanlagen wandern die Passagiere von einem Zugabschnitt zum nächsten. Grüner Bereich hieß bei einem Kollegen: Der ICE von Berlin Richtung Heimat war im hinteren Teil wegen Überhitzung leer, glich im vorderen einer Sardinenbüchse. Und das End vom Lied: Im Ruhrpott zwangsweise umsteigen auf einen Regionalzug, um statt in fünf, erst nach gut acht Stunden in Koblenz anzukommen. Haben Sie schon mal versucht, das Entschädigungsformular der Bahn im Internet auszufüllen? Ihm ist es trotz Hochschulbildung nicht gelungen.

Mein Freund Walter hat daraus schon vor einiger Zeit (seit Umwandlung der Bundesbahn von einer volkseigenen Infrastruktur-Einrichtung in ein börsengeiles Profitcenter) folgende Konsequenz gezogen: Auf ICE-Fahrt geht er nur noch mit EPA. Beim Militär meint EPA „Einsatzpaket“. Darin steckt Notverpflegung für zwei Tage und den Fall, dass unter schwierigen Gefechtsbedingungen mal der Nachschub ausbleibt. Zu Walters EPA gehören im Winter auch Schlafsack und Esbit-Kocher, im Sommer eine Zusatzration leicht gesalzenen Wassers. Auf diese Art hat er bereits in der Mehdorn-Epoche manches Gefecht auf dem Schlachtfeld Bahn relativ unbeschadet überstanden.

Zudem hat Walter stets einen Dachdecker-Hammer im Reisegepäck. Wozu der gut ist? Dem Freund mangelt es an Grundvertrauen in die Errungenschaften der Moderne. Nicht zu öffnende Fenster, automatisierte Türen und Belüftungen verursachen ihm Unwohlsein. Oder wie er selbst sagt: „Mir kommt bei derartiger Fremdbestimmung grundlegender Lebensfunktionen das Kotzen.“ Egal, ob in rollenden, schwimmenden oder auf Fundamenten stille stehenden Räumen.

Wenn Ihnen, liebe Leser/innen, im Zug, auf dem Schiff, im Hochhaus automatische Systeme mal die Luft abdrehen oder den Fluchtweg versperren, dann halten Sie sich an Typen wie Walter. Die nehmen zwar luxuriöse Unpässlichkeiten wie Verspätungen, falsche Platzreservierungen, miesen Kaffee oder tote Steckdosen mit stoischer Ruhe hin. Sollte jedoch durchgeknallte Technik den Leuten an Leib und Leben gehen, sind es Walters und Walterinen, die nicht auf Vorschrift, Automatik, Oberschaffner und den lieben Gott vertrauen. Diese Typen ziehen beizeiten die Notbremse, packen den Hammer aus und öffnen die Fenster. 

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