Portrait Andreas Pecht

Andreas Pecht – Kulturjournalist i.R.

Analysen, Berichte, Essays, Kolumnen, Kommentare, Kritiken, Reportagen – zu Kultur, Politik und Geistesleben

Den Luxus gönne ich mir

Wie sich die Zeiten ändern. Vor ein paar Jahren noch galt als wichtig, wer zur kleinen Gruppe der Handy-Besitzer gehörte und auch unterwegs angeklingelt wurde. Später griff in derselben Gruppe der Spruch um sich: Ständig mit dem Handy muss nur rummachen, wer schlecht organisiert ist. Vorbei, beides! Inzwischen telefonieren alle mit allen, immer, überall. Und sollte sich für einen Moment mal niemand zum Quatschen finden, wird mit dem Maschinchen gemailt, gesurft, gezwitschert. Leben heißt  nun: in Netzen schwimmen. Und wie bei den Fischen gilt: Dass einer gefangen ist, merkt er erst, wenn er hinaus ins freie Wasser will.

Mein Freund Walter hat sein Handy neulich ganz abgeschafft, seine Internetlektüre auf drei Stunden die Woche beschränkt, seine E-Mail-Abfragen auf ein mal täglich reduziert und seine Kreditkarten bei mir zum Verschluss hinterlegt. Jetzt Obacht! Dies alles mit der Begründung: „Den Luxus gönn ich mir.“ Dummes Gesicht meinerseits, verbunden mit der Frage, was denn am Verzicht auf die Segnungen der Moderne luxuriös sei. Antwort: „Ich bin Herr über meine Erreichbarkeit; kann die Themen, über die ich nachdenken will, selbst bestimmen; habe den Briefverkehr verlangsamt und damit enorm aufgewertet. Die Nichtbenutzung der Kreditkarten macht mich für Schnüffler, Überwacher, Haie, Werbefuzzis fast unsichtbar. Ruhe, Privatheit, Gemächlichkeit: Wenn das kein Luxus ist!“

Das liegt drei Wochen zurück. Walter geht es glänzend, er fühlt sich gegenüber Dauertelefonierern und -surfern privilegiert. Er vermisst nichts, hat mehr Zeit, wirkt in Diskussionen besser durchdacht, bewegt sich mal wieder leibhaftig auf Freiersfüßen. Kurzum: Er hat offenbar an Freiheit und Lebensqualität gewonnen. Bleibt das Rätsel, was seither der Eimer mit den schwabbeligen Farbbeuteln drin unter dem Küchenfenster seiner Bude soll: „Ich warte auf das Straßenfotografierauto von Google. Dann gibt’s nämlich – schmeiß und platsch –  ein Pakerl Rotsoße auf die Linse.“ Walter hat in nur drei Wochen ein richtig feines Gespür für echte Luxusgenüsse entwickelt.

So, jetzt im Ernst gesprochen. Zur Sache Koblenzer Seilbahn – und zu deren von einigen Zeitgenossen dringlich gewünschten Verwandlung in eine Dauereinrichtung nach der Bundesgartenschau. Der designierte Oberbürgermeister hält eine Diskussion darum für verfrüht. Was auf der Hand liegt, denn wer wollte das lichte Buga-Fest mit giftigem Lokaldisput über das Nachher verschatten. Unter der Hand indes lassen sich diverse Befürworter einer Dauer-Seilbahn durch Hofmann-Göttigs Mahnung nicht davon abhalten, mit den Hufen zu scharren. Denn: Der Hochseil-Bus vom Eck auf den Ehrenbreitstein könnte über Jahrzehnte eine geldwerte Touristenattraktion sein. Nur müsste dafür die gültige Beschlusslage nebst Vereinbarung mit der UNESCO gekippt werden, wonach die Bahn nach dreijährigem Betrieb zu demontieren ist.

Ich möchte beizeiten einen Gedanken in die früher oder später unvermeidliche Debatte werfen: Ihr Leut‘, müssen wir denn wirklich alles und jedes unbedingt nach Kriterien wirtschaftlichen Nutzens entscheiden? Interessiert uns an Natur und Heimat, Kultur und Stadt tatsächlich nur noch deren Vermarktungspotenzial? Gewiss, es ist gut und nötig, dass Geld verdient wird. Aber der Mensch lebt nicht vom Geld allein. Welch Ehre könnten die Koblenzer weltweit einlegen, würden sie nach drei Jahren sagen: Jawohl, wir verzichten fortan auf den geldwerten Vorteil der Seilbahn – aus Liebe zur Unverwechselbarkeit des Rhein-Mosel-Ecks, aus Achtung vor unserem kulturellen (Welt-)Erbe als Wert an sich. Diesen Luxus sollte wir uns einfach gönnen!

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